Der 9. November 1989 steht für die Entscheidung der Machtfrage in der DDR. Abzulesen ist das auch an der Tatsache, dass am Tag des Mauerfalls SED-Bezirkschef Werner Walde zurücktrat, Statthalter der sozialistischen Diktatur in Cottbus. Damals nur eine Notiz im Bezirksparteiorgan Lausitzer Rundschau, die erst seit 1990 ein demokratisches Medium ist.

Mauer und Staatsgrenze hatten ab 1961 auf blutige Weise den Einparteienstaat am Leben gehalten. Dessen Ende hat eine mutige Minderheit herbeigeführt. Auf den Straßen Leipzigs, Ostberlins und ziemlich spät auch in der Lausitz. Zur Erosion beigetragen haben der bröckelnde Ostblock mit offenen Grenzen ab Sommer '89 und die Erkenntnis, dass man sich um des Friedens willen arrangieren sollte. So gesellten sich zu den friedlichen Revolutionären Neugierige, Zuschauer, Mitläufer – und Wendehälse.

Am meisten haben wir den Entschlossenen zu verdanken. Die erst in Kirchengemeinden Redefreiheit erprobten, die an Runden Tischen lernten und in neuen demokratischen Parteien stritten. Sie bereiteten den Weg für die erste frei gewählte Volkskammer der DDR. Wählerinnen und Wähler entschieden dann für das Ende der DDR; D-Mark und Konsumverheißungen überzeugten mehr als alternative gesellschaftliche Utopien. Bekommen haben wir dadurch die deutsche Einheit ab 3. Oktober 1990.

Es ist klar, dass diese Einheit nicht nicht nur Gutes bewirkt hat. Es gab Strukturbrüche mit Zehntausenden Arbeitslosen allein in der Lausitz. Und bis heute sind im Osten Deutschlands Einkommen niedriger, die Wirtschaftskraft geringer, und der Bevölkerungsrückgang hält an. Mit dem Blick auf 1989 ist aber anzuerkennen, dass damals die Aufklärung gesiegt hat. Friedliche Revolutionäre verhinderten die Vernichtung von Stasi-Akten. Sie arbeiteten Geschichte auf. Dies hat in Brandenburg und Sachsen dazu beitragen, dass Richter und Staatsanwälte, die in DDR-Gesinnungsjustiz verquickt waren, nicht nahtlos weiter Karriere machen konnten. Darüber hinaus etablierten Revolutionäre, Friedensbewegte und Künstler eine vielfältige und eigensinnige Kultur. Viele Menschen haben die neu gewonnene Freiheit bei ihrer persönlichen Entfaltung genutzt.

Das kann Vorbild sein. Wer Ausstellungen wie am Schloss Doberlug oder im Cottbuser Menschenrechtszentrum zur friedlichen Revolution und ihren Folgen besucht, lernt, warum es sich lohnt, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Vor 1989 war das in der DDR nicht ungefährlich. Heute darf einen niemand daran hindern. Dass es zum Teil schlecht funktioniert, liegt auch an mangelnder Bürgerbeteiligung. Und die kann nicht verordnet werden. Beispiele für wirksame Selbstermächtigung: Jugendliche demonstrieren für Klimaschutz, Lausitzer Bürgermeister protestieren in Berlin für mehr Strukturhilfe während des Kohleausstiegs. Dahinter steckt die revolutionäre Erkenntnis: Es gibt nicht den Staat und uns. Der Staat sind wir.

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