Er war nicht dabei. Damals, als in Ostdeutschland die Städte zusammenfielen und die Bürger in Scharen in den kapitalistischen Westen türmten. Doch nun will Kevin Kühnert, dass Erich Honecker recht behält. Der hörte den Sozialismus an die gesamtdeutsche Tür klopfen. Jetzt klopft zwar nur der Juso-Chef, aber die Aufregung ist gewaltig.

Vielleicht ist die Aufmerksamkeit für Kühnerts Thesen mit einem wieder wachsenden Interesse an Kapitalismusalternativen zu erklären. Fakt ist: Es hat den Sozialismus schon gegeben. Dass Kühnert nicht dabei war, kann man ihm schlecht vorwerfen. Einen Mangel an Geschichtsbewusstsein aber schon.

Es ist nämlich nicht so, wie viele meinen, dass der real existierende Sozialismus gar kein richtiger oder nur ein schlecht gemachter Sozialismus gewesen sei. Die Diktaturen, die er hervorbrachte, waren keine Ausrutscher. Gewalt und Unterdrückung abweichender Meinungen waren Voraussetzungen für den Aufbau des Sozialismus. Keine Fehler. Als es aber nicht mehr um Staudämme oder Stahlwerke ging, als Kreativität und selbstständiges Denken zu den entscheidenden Triebkräften der Entwicklung wurden, brach die sozialistische Ökonomie zusammen.

Was die Eigentumsfrage betrifft: Wenn allen alles gehört, gehört niemandem etwas. Letztlich kommt es darauf an, wer worüber entscheidet. Dafür gibt es in der sozialen Marktwirtschaft – sicherlich nicht perfekt - Gesetze und Steuern, Kartellbehörden und die Mitbestimmung. Wer sein Geld in Aktien steckt, statt auf dem Sparkonto zu parken, beteiligt sich zudem am Produktivvermögen. Der Kapitalismus hat zur Explosion von Produktivität und Wohlstand geführt, die Menschheit aber auch in einen Bereich geführt, wo sich Schicksalsfragen stellen. Die Ressourcen des Planeten werden rücksichtslos aufgebraucht. Die Verteilung der Reichtümer ist extrem ungerecht. Staaten und Wertvorstellungen kollabieren. Ob das System noch einmal dazu in der Lage ist, flexibel und zukunftssichernd zu reagieren, ist ungewiss. Ganz sicher aber würde eine sozialistische Planwirtschaft die Probleme eher vergrößern.

Um fair zu sein: Planwirtschaft hat der Juso-Vorsitzende nicht gefordert. Dafür Wohnungsgenossenschaften. Als ob es die nicht schon gibt. BMW kollektivieren und die Profite danach demokratisch verteilen? Wenn dann noch etwas zu verteilen ist. Die Liste der Unternehmen, in denen der Bund das Sagen hat, ist fast 50 Seiten lang. Es ist nicht zu erkennen, dass sie zur Rettung der Menschheit und zum Wohlbefinden der Bevölkerung mehr beitragen als Privatkonzerne. Bei Lichte betrachtet ist der Kühnertsche Sozialismus eine Mischung aus wenig durchdachten Reformen und Utopien von gestern. Möglicherweise hilft er aber dabei, an den Sozialismus zu erinnern, wie er war. Dann hätte er sich mit seinen Äußerungen sogar verdient gemacht. Falls das aber nicht klappt, dann fördert er gefährliche Träumereien. politik@lr-online.de