Vergegenwärtigt man sich noch einmal die Historie der Hartz-Gesetze, dann standen am Anfang ein verkrusteter Arbeitsmarkt und eine wie in Stein gemeißelte hohe Erwerbslosigkeit. Vor der Neuregelung im Jahr 2005 war das System ausschließlich auf die Abmilderung der materiellen Folgen von  Erwerbslosigkeit angelegt. Und auf deren Verschleierung. Erst durch die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und  Sozialhilfe zum heutigen Arbeitslosengeld II trat die Massenarbeitslosigkeit in ihrem wahren Ausmaß zutage. Niemand kann bestreiten, dass es seitdem zu einem enormen Beschäftigungsaufbau gekommen ist. Dafür mitverantwortlich waren nicht nur der stärkere Druck auf  die Betroffenen, eine Arbeit  anzunehmen, sondern auch der Ausbau von Leiharbeit (Hartz I) und Minijobs (Hartz II) sowie der Umbau einer Arbeitsverwaltung (Hartz III), die sich endlich auch als Vermittler von Arbeit begreifen sollte.

Vieles lief dabei nicht rund. Schon damals hätte es zum Beispiel den Mindestlohn als Gegenmittel zu hemmungslosem Lohndumping  gebraucht. Und bis heute hat der im Kern richtige Ansatz vom Fördern und Fordern eine Schieflage. Trotz eines wahren Job-Booms hat sich die Zahl der arbeitsfähigen Hartz-IV-Empfänger in den letzten Jahren kaum verändert. Und obwohl gerade diese Menschen eine besonders intensive Förderung bräuchten, steht für sie pro Kopf  lediglich ein Fünftel der Mittel zur Verfügung, die die Arbeitsagenturen für kurzzeitig Arbeitslose ausgeben können. Das ist ein Skandal. Aber kein Argument für die Abschaffung von Hartz IV. Sondern für eine Reform der Reform. Fordern und Fördern müssen endlich ins Gleichgewicht kommen. Dazu gehört zum Beispiel auch, die Zuverdienstregeln für Hartz-IV-Empfänger vom Kopf auf die Füße zu stellen. Gegenwärtig werden kleine Nebenverdienste begünstigt, höhere Zusatzeinkünfte dagegen durch eine drastische Kürzung der Stütze akut geschmälert. Was hat das mit Leistungsförderung zu tun? Nichts.

Über solche Probleme lohnt eine Debatte allemal. Wer dagegen Hartz IV abschaffen will, der träumt letztlich von der „guten alten Zeit“ einer Dauer-Alimentation von Arbeitslosigkeit. Ja, es stimmt, mit Hartz IV lebt es sich mies. Gerade deshalb muss es für jeden arbeitsfähigen Betroffenen darum gehen, das System so schnell wie möglich zu verlassen. Dafür müssen beide Seiten alles tun, die Arbeitslosen wie der Staat. So wie es einst auch politisch beabsichtigt war.

politik@lr-online.de