Eines der erstaunlichsten Dinge in der Corona-Zeit ist, wie leise und geduldig Eltern sind. Erst mühten sie sich ohne Vorwarnzeit mit dem Experiment Fernunterricht ab, dann organisierten sie ihr Berufs- und Privatleben um erratisch wechselnde Stundenpläne der Schulöffnung herum, und nun nehmen sie ohne Murren zur Kenntnis, dass leider niemand weiß, wie es nach den Sommerferien weitergehen soll.
In der Politik bringt Geduld allerdings nichts. Auch wenn die meisten Betroffenen verständlicherweise unter der Doppelbelastung von Job und Kinderbetreuung ächzen: Eltern müssen laut werden.
Die vage Hoffnung, dass das kommende Schuljahr besser laufen könnte als die Monate zuvor, ist verlockend, aber trügerisch. Im Gegenteil: Wenn im Herbst die Erkältungszeit beginnt, wird es erst spannend. Um Kinder und Lehrer zu schützen, darf kein Kind in Kita oder Schule, wenn es auch nur das geringste Anzeichen einer Erkältung hat. Und auch kein Erzieher und Lehrer. Was das bedeutet, weiß jeder, der schon mal mit Kindern zu tun hatte.
Und das ist das optimistische Szenario. Immer wieder werden ganze Schulen und Kitas geschlossen werden müssen, weil es Corona-Infektionen gibt. Kurz gesagt: Die meisten Kinder werden weiterhin einen beträchtlichen Teil der Schulzeit zu Hause verbringen.
So weit, so offensichtlich. Dennoch gibt es an den Schulen entweder noch gar keinen Plan – oder der Plan heißt: soviel Regelbetrieb wie möglich, der Rest wird sich finden. Dabei wissen wir seit März, wie verheerend Schulschließungen vor allem für zwei Gruppen sind. Erstens für Kinder aus benachteiligten Familien, die zu Hause weder Raum noch Ausstattung und Unterstützung haben. Und zweitens für Eltern, die ohnehin am Rand ihrer Kräfte sind – viele Alleinerziehende etwa – oder jene, die Präsenzjobs haben und es sich nicht leisten können, immer wieder tage- und wochenweise zu Hause zu bleiben. Überstunden und Kinderkranktage sind bei den meisten Eltern aufgebraucht, eine Reserve für den Herbst hat kaum noch jemand.
Deshalb müssen Eltern jetzt auf die Barrikaden gehen und dafür kämpfen, dass Familien Planungssicherheit bekommen. Und auch Rückhalt, falls dieser Plan dem unberechenbaren Virus zum Opfer fällt.
Die wichtigste Aufgabe ist, kein Kind abzuhängen. Kinder, die zu Hause lernen müssen, brauchen im nächsten Schuljahr eine digitale Mindestausstattung – und Lehrer, die sich kümmern. Die Schulen müssen die nötigen Leihgeräte zur Verfügung haben, aber auch zusätzliches Personal – woher auch immer. Auch wenn Kreativität in der Kultusbürokratie gewöhnlich ein Fremdwort ist: Hier ist sie unverzichtbar.
Eltern brauchen ebenfalls Unterstützung. Zunächst die ihrer Arbeitgeber, aber auch von der Politik: die Zahl der Kinder-Krankentage  beispielsweise sollte zumindest für 2020 ausgeweitet werden. Und die Kultusminister sollten rechtzeitig einen durchdachten Plan A, B und C für die Zeit nach den Sommerferien vorlegen.

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