Ja, den Ostdeutschen geht es recht gut. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie noch nie, seit die Ossis nach 1990 die Arbeitslosigkeit kennengelernt haben. Die Löhne sind gestiegen und – auch wenn sie das nicht gern hören – die meisten Rentner in den auch immer älter werdenden neuen Ländern haben kein so übles Auskommen. All das kann man im aktuellen Bericht zum Stand der deutschen Einheit lesen. Wenn man den Bericht aber genau anschaut, dann stellt man fest: Mit Einheit hat das alles wenig zu tun.

Zumindest sehen das die meisten Ostdeutschen so. Mehr als die Hälfte von ihnen, nämlich 57 Prozent, fühlen sich als Bürger zweiter Klasse. Ganze 38 Prozent der Befragten halten die Wiedervereinigung für gelungen. Bei denjenigen, die das 40. Lebensjahr noch nicht erreicht haben, sind es 20 Prozent. Ein Fünftel! Diese Zahl macht die Einheit zur regelrechten Luftnummer.

Und doch wird sie im Westen mit großer Gleichmut zur Kenntnis genommen. Die Ossis halt!

Was würden die Deutschen im Westen denken, wenn ihr Vermieter, ihr Chef, ihr Sparkassenfilialleiter, die obersten Richter oder die Universitätsdekane alle Ostdeutsche wären? Was weiß man in Kiel, Hamburg, Stuttgart oder München über das andere Deutschland? Meint man dort, es spielt keine Rolle, dass den Ostdeutschen ihr Land eigentlich nicht gehört?

Umgekehrt wäre es an der Zeit, dass die Ex-DDR-Bürger und ihre Nachkommen damit aufhören, sich hinter den für viele verstörenden Nach-Mauerfall-Erfahrungen zu verstecken. Über Treuhand, Massenarbeitslosigkeit und profitgeile Hasardeure muss geredet werden. Wird ja auch. Aber selbst die übelsten Treuhandmanöver rechtfertigen keinen Nationalismus. Unfähige Beamte, die nur wegen der „Buschzulage“ in die damals noch neuen Länder kamen, sind kein Grund für Rassismus. Dass es den auch im Westen gibt, stimmt. Aber in deutlich geringerem Ausmaß. Auch auf diesem Gebiet ist von Einheit keine Spur.

Schon die Bezeichnung für denjenigen, der den Bericht zur Einheit vorlegt, zeigt das Problem. Er ist der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer. Kurzform: Ostbeauftragter – nicht Einheitsbeauftragter. Die Bundesregierung kontrolliert, ob sich die Ossis auf das Niveau zubewegen, das der Westen vorgibt. Und das ist ausschließlich ökonomisch gemeint. Alle anderen Werte, Normen und Traditionen des Westens gelten schon lange für das ganze Land. Die psychologische Einheit aber ist noch in weiter Ferne. Ehrlicher wäre es, vom Ost-Entwicklungsbericht zu sprechen – nicht vom Einheitsbericht. politik@lr-online.de