Nach Donald Trumps Amtsantritt im Januar 2017 hatten Zyniker davor gewarnt, dass in der US-Politik Tatsachenverzerrungen, Manipulationsversuche, die Umgehung der staatlichen Gewaltenteilung und regelrechte Korruption die „neue Norm“ werden könnten. Gekommen ist es aber schlimmer. Mittlerweile werden diese nämlich gar nicht mal bestritten. In Donald Trumps Amerika gehören sie als absolute Selbstverständlichkeit zur Tagesordnung.

Folglich räumte der US-Präsident ungeniert ein, mit seinem ukrainischen Amtskollegen Selenskyj telefoniert zu haben. Offenbar ging es um Glückwünsche zu dessen Wahlsieg. Aber auch darum, Korruption zu bekämpfen und darin insbesondere die angebliche Rolle des früheren US-Vizepräsidenten Joe Biden zu untersuchen. Alles also völlig verdienstvoll, will Trump den US-Wählern weismachen, wolle man doch um jeden Preis verhindern, dass ein US-Politiker, der korrupt ist, Präsident werden kann.

Das zeugt von Ironie oder Arroganz. Wer auch nur Teile des Berichts des Sonderermittlers Robert Mueller gelesen hat, weiß, wie aktiv der Trump-Clan versucht hat, mit Moskaus Hilfe die US-Wahl zugunsten des Immobilienunternehmers zu manipulieren. Davon ist keine Rede mehr.

Ungeniert bläst der Präsident erneut zum Angriff und will nun sogar Kiew einbinden, um jenen Mann, der zufällig auch sein gefährlichster demokratischer Rivale ist, zu diskreditieren. Die Unverfrorenheit müsste einem die Sprache verschlagen. Doch Trump ist es nach weniger als drei Jahren gelungen, Verhaltensweisen, die sonst autoritären Regimen vorbehalten sind, in der weltgrößten Demokratie zu normalisieren.

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