Allenfalls das Datum war eine Überraschung. Dass der EU-Sondergipfel einer Verschiebung des Brexits zustimmen würde, war klar. So hieß es im Vorfeld. War es das wirklich? Hätte auch nur einer der 27 Staats- und Regierungschefs dagegen votiert, hätten wir jetzt den harten Brexit, den europäischen Polit-Gau, den größten anzunehmenden Unfall für viele Unternehmen, die Katastrophe vor allem für Tausende Briten, die ihre Jobs verlieren würden.

Diese Katastrophe haben Europas Spitzenpolitiker abgewendet. Unaufgeregt haben sie damit den Wert von Politik aufgezeigt, den Wert, den Politiker als Vertreter ihrer Bürger haben. Als sich der damalige britische Premierminister David Cameron, der Großbritannien eigentlich in der EU halten wollte, im Juni 2016 so gnadenlos mit dem Brexit-Referendum verzockte, entwertete er damit die professionelle Politik. Er sorgte für Zweifel an der Kompetenz seiner Regierung und der aller Abgeordneten. Er beförderte Misstrauen.

Das Resultat ist das heutige Bild des Unterhauses, welches mit humorigem Wohlwollen als Komödie à la Monty Python belächelt wird, viel häufiger aber den Menschen die Zornesröte ins Gesicht treibt. Denn das britische Parlament inszeniert sich als eine Schar kompromissfeindlicher Selbstdarsteller, denen ihr Volk längst gestohlen bleibt. Dieses Unterhaus schafft Politikverdrossenheit.

Gottlob sind sich die EU-Regierungschefs im Gegensatz dazu ihrer Verantwortung und Aufgabe bewusst, auch wenn es in ihren Heimatländern genug Menschen gibt, die genervt sind von der scheinbar unendlichen Geschichte des Brexit – und die einen harten Brexit für eine passende erzieherische Maßnahme für die uneinsichtigen Briten und für andere Europaskeptiker erachten. Die 27 Verantwortlichen akzeptieren auch, dass Kritiker ihnen die neuerliche Verschiebung als Schwäche auslegen, als Einknicken vor den Wir-wissen-nicht-was-wir-wollen-Briten. Aber es ist nicht die Zeit für Arbeit am persönlichen Ego, für Imagepflege oder Rücksicht auf Umfragewerte. Es steht zu viel auf dem Spiel. Es ist vielmehr gut und richtig, dass die Entscheidung für eine Verschiebung des Brexit nicht getrieben von Emotionen fiel, sondern wohl kalkuliert, mit dem Ziel, den Schaden aller zu minimieren.

Würden die Briten nun ihre Emotionen und ihren Starrsinn wieder in den Zaum und ihre Köpfe nur ein bisschen frei bekommen für einen klaren Blick, so könnten sie an der Kompromissfähigkeit und Kompromissbereitschaft der EU die Stärke und den Wert dieses Bündnisses erkennen; des Bündnisses, das sie verlassen wollen.

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