Die Europawahl hat bestätigt, dass das bei den Präsidentenwahlen 2017 herausgeschälte Kräfteverhältnis in Frankreich keine kurzlebige Momentaufnahme war. Über ein relativ stabiles Wählerreservoir von etwa 24 Prozent verfügen derzeit allein Macrons Regierungspartei LREM und Marine Le Pens rechtsextremes „Rassemblement National“ (RN).

Die beiden ehemaligen Volksparteien „Parti Socialiste“ (PS) und „Les Républicains“(LR) hingegen, die beinahe 60 Jahre lang die Geschicke der Fünften Französischen Republik bestimmten, wurden mit einstelligen Prozentanteilen von den Wählern zu Auslaufmodellen degradiert. Tatsächlich hatte Macron schon im Präsidentschaftswahlkampf die traditionelle Rechts-Links-Konfrontation immer wieder als überholt bezeichnet. Das durften und sollten PS wie LR durchaus als Kampfansage verstehen.

Mittlerweile schickt sich der Präsident an, die beiden alten Volksparteien mit seiner erst vor knapp drei Jahren gegründeten LREM zu ersetzen, welche sich als jene Partei der Mitte versteht, die es in Frankreich zuvor bestenfalls als Splitterformation gegeben hat. Als Gegner übrig bleibt da nur der rechtsextreme RN und Macron in der Rolle des letzten Bollwerks gegen Le Pen. Deren Einfluss hat er zwar nicht beschneiden können, wie der knappe RN-Sieg bei den Europawahlen zeigt. Aber der kühle Stratege denkt längst an die nächste Präsidentschaftswahl 2022, die ganz genauso verlaufen soll wie die letzte.

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