Der Fall um die vor fast drei Jahren bei einem Verkehrsunfall tödlich verletzte Ägypterin ist zu einem Politikum geworden. Von rassistischen Äußerungen war die Rede, die ägyptische Botschaft ließ den Wohnsitz der in Cottbus lebenden Studenten gar nach Berlin verlegen. Mit ihrem Urteilsspruch von einem Jahr auf Bewährung nach Jugendstrafrecht für den Angeklagten Kilian S. kommt die Richterin dem öffentlichen Aufschrei nach höherer Bestrafung für den Verlust eines Menschenlebens zwar nicht nach. Trotzdem beweist sie Fingerspitzengefühl. Denn es geht ihr um die Erziehung des jungen Mannes – nicht um Bestrafung.

20 Jahre alt war Kilian S. im April 2017, als er vor der Stadthalle zu schnell unterwegs war und damit gleich mehrere Menschenleben zerstörte: Das der Ägypterin und ihrer Familie – aber auch sein eigenes. Indem die Richterin das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmaß von acht Monaten auf zwölf hochschraubt, macht sie deutlich, was sie von der scheinbaren Unbelehrbarkeit des Angeklagten hält, der nach dem Unfall zwei weitere Eintragungen ins Verkehrsregister kassierte. Gleichzeitig gibt sie dem jungen Mann die Möglichkeit, sich zu ändern. 200 Sozialstunden bei einer lebensrettenden Einrichtung sollen ihn zusätzlich daran erinnern, welche Folgen sein „jugendliches Imponiergehabe“, wie sie es ausdrückte, haben kann. Ganz gleich welches Urteil sie fällt: In den Augen der Familie des Opfers wird es wohl nie gerecht sein.

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