Die Entscheidung hat Gewicht – weit über den verhandelten Einzelfall hinaus. Die Kündigung eines Chefarztes an einer kirchlichen Klinik war unrechtmäßig. Der Mann hatte zum zweiten Mal geheiratet – und damit gegen moralische Vorgaben seines Arbeitgebers verstoßen, so die damalige Begründung. Sie würde heute von keinem kirchlichen Arbeitgeber mehr in dieser Form ausgesprochen werden. Denn in den vergangenen Jahren wurde das kirchliche Arbeitsrecht der neuen Realität angepasst. Besondere Auflagen gelten nur noch für jene Arbeitsbereiche, die mit dem kirchlichen Verkündigungsauftrag verbunden sind. Die Annäherung an die Realität war nicht nur notwendig – sondern für die Akzeptanz von Kirchen in einer zunehmend entkirchlichten Gesellschaft unumgänglich.

Trotzdem ist der Fall des Chefarztes, der seit zehn Jahren unterschiedliche Gerichte beschäftigt, weiter von hoher Relevanz. Denn er berührt die Frage, welche Form der Loyalität Kirchen von ihren Mitarbeitern erwarten können. Und: Wie weit geht das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen? Darf der Staat darüber bestimmen, was eine Religionsgemeinschaft für die Verwirklichung ihres Auftrages braucht? Die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit käme möglicherweise schnell an ihre Grenzen.

Die Fragen müssen auch nach dem Richterspruch im Detail weiter ausgelotet werden. Die Kirchen täten gut daran, eigene Ansprüche aus eigenem Interesse enger zu fassen. Die Zeit allzu großer Machtansprüche ist vorbei.

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