Demokratie ist aktuell hoch im Kurs. Anlass sind die verstörenden Bilder vom vergangenen Wochenende in Berlin. Wütende Heilpraktikerinnen, die Schulter an Schulter mit Neonazis das Reichstagsgebäude erstürmen wollen. Nachweislich waren auch Lausitzer bei den Anti-Corona-Demonstrationen – ihre Banner sind von heimischen Aufmärschen bekannt. „Antidemokraten, die sich auf den Stufen unseres demokratischen Parlaments breitzumachen versuchen“, so sprach der Regierungssprecher. Das alles unter dem Schutz des demokratischen Rechts auf Versammlungsfreiheit. Ein seltsam Ding, diese Demokratie.
Dass Zehntausende zusammen gegen einen Staat protestieren, der sie zum Schutz aller auffordert, das ist eigenartig. Abseits vom Inhaltlichen geht es den Teilnehmern wohl auch um etwas anderes: Das Gehört- und Gesehenwerden in hoch symbolischen Zusammenhang. Dass das Demonstrieren gegen den Staat optisch so sehr an den Herbst 1989 erinnert, macht es für die selbst ernannten Querdenker noch schöner. Sie fühlen sich als Teil von etwas, das Geschichte macht.
Dieses schöne Gefühl ist billig zu haben. Kein Protestler muss Angst haben, in einem Stasi-Gefängnis zu landen oder in einer weißrussischen Folterkammer. Den Preis, in Berlin 2020 demonstrieren zu können, haben andere vor 31 Jahren bezahlt.
Wie so oft macht die Pandemie nur sichtbar, was vorher nicht auffiel. Der Firnis der Demokratie ist an manchen Stellen dünn. Nämlich da, wo der Staat den Bürger in die Pflicht nimmt. Corona zeigt, was einige eben bereit sind, für die Gemeinschaft zu tun, wenn es von ihnen verlangt wird. Nicht viel.