Corona hat das Bildungssystem durchgerüttelt wie nie zuvor in Friedenszeiten. In Windeseile musste der Unterricht irgendwie aus den Klassen- in die Kinderzimmer verlegt werden. Für den Einzelnen mag das ­anstrengend gewesen sein, unangenehm, unbequem oder sogar gefährlich. Für das Ganze verbarg sich darin jedoch auch eine Chance. Denn wenn sowieso kein Stein auf dem anderen blieb, dann hätte man sich eigentlich auch einmal überlegen können, ob die Steine selbst eigentlich noch zu ­gebrauchen sind.
Tatsächlich hat es solche Überlegungen gegeben. In Online-Foren und Sozialen Medien gab es einen regen Austausch über digitale Unterrichtsformen. Mehr noch als vor der Krise war das „Twitter-Lehrerzimmer“ ein Ort, an dem Lehrkräfte Ideen teilten und debattierten, wie Schüler trotz der Krise kreativ und fächerübergreifend lernen können. Engagierte Pä­dagoginnen und Pädagogen berichteten zum Beispiel, wie ihre Schützlinge schnell selbstständig geworden sind. Vollkommen unscheinbare Schüler blühten dank digitaler Formate plötzlich auf.
Möglich war das auch, weil auf absehbare Zeit keine Prüfungen abgelegt werden mussten und der Unterricht deshalb für eine kurze Zeit vom Korsett der Lehrpläne befreit war. Da zudem die Vergleichbarkeit der Schülerleistungen ohnehin kaum mehr zu gewährleisten war, wurde auch der Wert von Noten vorübergehend in Frage gestellt. Vom Bildungssystem profitierte nicht mehr derjenige, der vom Lehrer eine Eins bekam. Gewinner war der, der etwas lernte.
Selbstverständlich war das längst nicht überall so. Es hat auch Lehrer gegeben, denen über Wochen der Kontakt zu den Schülern abriss. Viele Kinder blieben auf der Strecke, und oft waren es gerade die, die es wegen eines komplizierteren Elternhauses schon vor der Krise nicht leicht hatten. Zwar waren die meisten Schulen irgendwo zwischen den Extremen. Für eine gewisse Zeit gab es aber diese zwei Pole. Während einige Teile der Bildungslandschaft kollabierten, waren andere wie auf LSD: Alte Gewissheiten wurden gekappt, neue Wege gedacht und besprochen.
Dieser Rausch ist verflogen. Er endete, als der Wunsch nach Rückkehr zur Normalität immer größer wurde. Spätestens als sich die Kultusministerkonferenz einig war, die Abiturprüfungen unter allen Umständen stattfinden zu lassen, war klar, dass die alten Zwänge zurückkehren. Denn wenn eine Lehrerin ihren Abiturjahrgang auf die Abschlussprüfungen vorbereiten muss, dann hat sie nun einmal keine Zeit mehr, gleichzeitig über progressive Unterrichtsformen nachzudenken und sie zu erproben.
Hätte, hätte, Bildungskette: Das Fenster fürs Querdenken ist erstmal wieder verschlossen. Spätestens seit den Eltern, Schülerinnen und Schülern auch noch versprochen wurde, dass es nach den Sommerferien wieder regulären Unterricht gibt, müssen alle Akteure ihre Energien darauf lenken, dieses Versprechen zu halten. Die Normalität, die dabei erreicht wird, mag dann vielleicht ein wenig digitaler sein als vor der Krise. Wirklich neu ist sie aber nicht.