Ohne Frage ist man hinterher immer schlauer als vorher. Das dürfte sich auch Rietschens Bürgermeister Ralf Brehmer (parteilos) denken. Die Bevölkerung hat eindrucksvoll gezeigt, dass sie einbezogen werden will. Das gilt auch für den Gemeinderat. Dabei sind die Absichten des Rietschener Bürgermeisters sicher nicht schlecht: Wer würde wohl nicht für eine Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs im ländlichen Raum sein? Wer würde abstreiten, dass Drohnen bei der Brandbekämpfung in großen Waldgebieten hilfreich sind? Man hätte sich viel Ärger erspart, wenn vor die Menschen einbezogen worden wären.

Die Frage bleibt aber: Was halten die Einwohner davon und wie sind sie angemessen zu beteiligen? Und das stellt sich nicht nur für Rietschen, sondern letztlich mit Blick auf den Strukturwandel für die ganze Lausitz. Im Zuge des Kohleausstieges nämlich ist von einer Vielzahl von „Modellprojekten“ die Rede. Der Freistaat etwa setzt auf das 5G-Forschungsfeld Lausitz, was sich von Hoyerswerda bis nach Welzow erstrecken soll; auf einen 5-G-Campus und vieles mehr. In Weißwasser sind jene Projekte im Frühjahr 2019 in epischer Breite vorgestellt worden.

Unabhängig davon, dass ein Jahr später von den „Leuchtturmprojekten“ noch nichts umgesetzt ist, hat die Lausitzer dazu niemand gefragt. „Wollen Sie reales Testlabor für neue Technologien in der Bundesrepublik werden?“, könnte eine Frage lauten. Immerhin steigt man aus der Kohle aus, Arbeitsplätze werden verschwinden. Und mal ehrlich, in anderen Regionen wäre der Widerstand vielleicht noch größer als bei den „paar Wählern“, mag da so mancher Politiker gedacht haben.

Und wo bleibt da die Zukunftswerkstatt Lausitz? Mit sieben Millionen Euro wird sie finanziert. Da hätte man in Weißwasser den Bahnhof zwei Mal sanieren können. Zu ihren Bürgerdialogen sind 2019 regelmäßig rund 35 Personen erschienen. Hat man auf die falschen Themen gesetzt? Offenbar. Denn offensichtlich wollen die Menschen beteiligt werden. Auch wenn der Fortschritt sicher nicht aufgehalten werden. Und wenn schon Versuchslabor, dann wenigstens mit fortschrittlicher Beteiligung.