Die Corona-Krise kann auch eine Chance sein, eine Chance, Dinge neu zu entdecken, neu zu organisieren, neue Wege zu gehen.
Auch die katholische Kirche hat die Pandemie vor Herausforderungen gestellt. Bischöfe mussten sich der Frage stellen, ob sie Gottesdienste absagen oder allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz ihre Christen doch Sonntag für Sonntag in einen geschlossenen Raum zusammenrufen. Sie haben sich schwer getan, dann aber doch der Vernunft folgend Gottesdienste verboten.
Selbst im meist eher konservativen kleinen Lausitzer Bistum Görlitz waren plötzliche Online-Gottesdienste möglich. Allerdings nur, so lange es unbedingt sein musste. Sobald die Landesregierungen in Brandenburg und Sachsen dem Drängen der Bischöfe nachgaben und Gottesdienste – mit Maske, mit begrenzten Teilnehmerzahlen, mit Abstand und ohne Singen – wieder ermöglichten, war der neumoderne Onlinespuk ganz schnell wieder vorbei.

Coronzahlen steigen – also alle in die Kirche!

Und jetzt? Die Coronazahlen steigen wieder, die Politik verlängert Schutzmaßnahmen und stoppt weitere Lockerungen. Und was macht Bischof Ipolt in Görlitz? Er hebt die Dispens auf. Sprich: Alle Katholiken sollen gefälligst am Sonntag wieder in die Kirche. Und mehr noch: „ängstliche und vielleicht besorgte Gemeindemitglieder“ sollen bitte von den Mitchristen ermutigt – man könne auch sagen gedrängt – werden, wieder in die Kirche zu kommen.
Natürlich – so Bischof Ipolt – würden dort alle Hygienemaßnahmen eingehalten. Aber werden sie das wirklich? In allen Teilen des Bistums? Wohl kaum.
Ist das christliche Nächstenliebe? Ist das Vorbildfunktion? Ist das – also die Pflicht zum Sonntagsgottesdienst – wirklich das Wichtigste, worüber sich die katholische Kirche jetzt Gedanken machen sollte?

Neue Formen des Miteinanders? Nicht zu sehen

Zwar spricht Bischof Ipolt auch davon „neue Formen des Miteinanders“ zu entwickeln. Aber wo bleiben da die konkreten Impulse? Seelsorge wäre doch gerade jetzt das Gebot der Stunde, eine Kirche, die sich öffnet, die auf die Menschen zu geht, die auch diejenigen bewusst aufsucht die „ängstlich oder besorgt“ sind, wie es der Bischof ausdrückt.
Warum denken wir nicht über Formen von Online-Gottesdiensten gerne auch interaktiv – nach? Warum nicht über Messen im Freien, bei denen ein Coronaschutz viel leichter realisiert werden könnte? Warum nicht über eine Verteilung der heiligen Kommunion, nicht nur an Kranke? Warum nicht über kleinere Formen der Zusammenkunft von Christen, auch über soziale Medien?

Seelsorge, die sich auf den Sonntagsgottesdienst beschränkt – ein Armutszeugnis

Seelsorge sollte – nicht erst seit der Coronapandemie – wieder viel stärker ins Bewusstsein der Kirche und ihrer Vertreter Einzug halten. Eine Seelsorge, die sich nicht nur auf die sonntägliche Pracht- und Machtentfaltung am Altar beschränkt.
Viele katholische Laien sind dazu bereit. Die Amtskirche augenscheinlich noch nicht – auch, wenn es das Hirtenwort des Bischofs jetzt bei Youtube gibt.