Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.” Der Anspruch, den Artikel 3 des Grundgesetzes formuliert, sollte unter Demokraten unumstritten sein. Und doch ist er in die Kritik geraten. Muss das Grundgesetz geändert werden, weil das Wort „Rasse“ selbst rassistisch ist? Oder wäre das übertriebene Symbolpolitik, wie die Gegner sagen?
Der einfachste Punkt vorweg: Nein, es gibt keine menschlichen „Rassen“. Für eine solche Einteilung, etwa nach Hautfarben, existiert keinerlei biologisch-genetische Grundlage. Hier beginnt aber auch schon das erste grundlegende Missverständnis: die verbreitete Annahme, „Rassentheorien“ seien wissenschaftlichen Ursprungs und heute lediglich überholt und veraltet. Das ist falsch: Der Rassebegriff war schon immer rassistisch.
Seine unrühmliche Geschichte beginnt im 15. Jahrhundert, als Christen die iberische Halbinsel zurückerobern. Muslimen und Juden, die sich taufen lassen, wird mit Verweis auf ihr „Blut“ (spanisch: raza) erklärt, dass sie doch keine „echten“ Christen seien. In den „Rassegesetzen“ von damals sehen Historiker eine Wurzel des europäischen Antisemitismus. Das Gift des Hasses und der Ausgrenzung wohnte dem Begriff also von Beginn an inne. Spätere Bezüge in der Anthropologie bauten darauf auf – als verbrämte Rechtfertigung für Kolonialismus, Sklaverei und die „natürliche“ Überlegenheit der Weißen. In der wissenschaftlichen Biologie war der Begriff nie wirklich bedeutend.
Das zweite Problem, das das Wort „Rasse“ so unselig und unsäglich macht, ist, dass es im deutschen Sprachraum bis heute eine enge, biologistisch-völkische Bedeutung behalten hat. Der ideologische Wahn der Nationalsozialisten, der auf Begriffen wie „Rassenhygiene“  und „Rassenschande“ fußte, hallt weiter in ihm nach. Im englischen „race“ hingegen hat längst ein viel weiteres Verständnis Niederschlag gefunden. Dass „race“ etwa in den USA auch oft in offiziellen Dokumenten verwendet wird, liegt daran, dass es, ähnlich wie „Ethnie“, als soziale Kategorie verstanden wird, weniger als biologische. Diese Deutung hat auch ins Völkerrecht Einzug gehalten. Mit „Rasse“ lässt sich das nicht übersetzen.
Der deutsche Begriff, so erstaunlich das ist, hat diese Entwicklung nicht im Ansatz mitvollzogen – auch Jahrzehnte nach Ende des Nationalsozialismus ist er noch immer durchtränkt vom dumpfen Erbe des „Blutes“ und biologistisch begründeter Vorurteile. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes mögen ihn in guter Absicht verwendet haben – wer in Deutschland heute von Rassen spricht, benutzt eine in sich rassistische Kategorie. Ein solcher Begriff hat im Grundgesetz nichts verloren.
Ist das Symbolik? Vielleicht. Doch Symbole sind manchmal auch wichtig. Eine solch entscheidende Passage des Grundgesetzes sollte unmissverständlich formuliert sein. Es ist höchste Zeit, den Begriff „Rasse“ zu streichen.