Der Rote Platz in der Lübbenauer Neustadt hätte das Zeug für eine Dissertation. Der Gebäudekomplex in zentraler Lage wurde nach seiner Fertigstellung 1961 mehrfach umgestaltet im Lauf der Jahrzehnte. Aus Architekten-Sicht war diese Umgestaltung vielleicht eher eine Missgestaltung. Der Platz verlor seinen Platzcharakter.
Dem filigranen Kaufhausbau wurde seine markante Form und seine den Platz beherrschende Wirkung fast komplett genommen, indem ein großer Gebäude-Kasten mit Glasfront an ihn rangebaut wurde. „Aquarium“ nannten ihn die Lübbenauer.
Aus kaufmännischer Sicht freilich ging es darum, mehr Verkaufsfläche zu schaffen und mehr Parkplätze für Autos, deren Kofferräume mit Waren vollgepackt werden sollten. Etwas architektonisch Wertvolles zu erhalten, einen schönen Platz zum Verweilen und Sich-Treffen war deutlich sichtbar nicht der Anspruch.
Aus dem Platz in Top-Lage sollte so viel Kapital geschlagen werden als möglich. Die Grenzen dabei wurden dem vormaligen Eigentümer allerdings auch recht bald aufgewiesen. Ins Obergeschoss verloren sich kaum Kunden. Und draußen rollten Autos dicht an Kaffee trinkenden Kunden der Bäckerei vorbei. Hohe Aufenthaltsqualität sieht anders aus.
Dem Baukörper, der derzeit noch den Roten Platz einnimmt, und dem kaputt gefahrenen Parkplatz wird kaum jemand hinterher trauern. Eher wird sich die Spannung steigern auf das, was nach dem Abriss im nächsten Jahr hier entsteht.
Die Rewe-Ankündigungen klingen nach einem Kompromiss, der zumindest angestrebt wird: ausreichend Verkaufsfläche und Kundenparkplätze auf der einen Seite, eine ansehnliche Gestaltung mit Sitzmöglichkeiten auch im Freien und Grünstreifen auf der anderen Seite.
Die den Platz einfassenden Straßen samt Kreisverkehr immerhin sind bereits – oder werden gerade im Fall der Robert-Koch-Straße – neu gestaltet. Klar ist auch: Der Rote Platz wird nie wieder das sein, was er mal war. Doch vielleicht findet sich eine Art des Erinnerns in welcher Form auch immer.