Da wartet ein Cottbuser Arzt jahrelang auf den Abschluss eines Gerichtsverfahrens, in der vergeblichen Hoffnung, endlich seine Ruhe zu finden. Das mag zunächst wie ein bedauerlicher Einzelfall erscheinen. Doch dieser Eindruck täuscht.
Mittlerweile nimmt die Dauer von Gerichtsverfahren so bedenkliche Ausmaße an, dass es politische Folgen hat. Die Mitarbeiter der Opferperspektive sammeln damit zum Beispiel mehr Erfahrungen, als es ihnen lieb ist: Sie kümmern sich im Namen ihres Vereins um Betroffene rechtsextremer Gewalt. Immer wieder beklagen sie, dass Gerichtstermine verschoben werden und dass sich ihre Mandanten deshalb auf Jahre hinaus innerlich mit traumatischen Erlebnissen plagen müssen.

Die Zeit arbeitet für die Angeklagten – schuldig oder nicht

Ein weiterer unerwünschter Effekt berührt das Prinzip, dass ein Mensch mit Konsequenzen rechnen muss, sobald er eine Straftat begeht. Wenn der Rechtsstaat wegen Personalmangels oder anderer Gründe ewig nicht zu einem Urteil findet, gerät dieses Prinzip ins Wanken. Zum einen verblassen mit zunehmender Zeit die Erinnerungen von Zeugen. Damit schleichen sich auch Widersprüche in ihre Aussagen ein. Das spielt fast immer dem Angeklagten in die Hände, ob schuldig oder nicht.
Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwiefern überhaupt noch pädagogische Zwecke greifen, falls Straftäter erst nach Jahren verurteilt werden. Oft bringen sie die Strafe gar nicht mehr direkt mit ihrem Verbrechen in Verbindung, weil es schon lange zurück liegt. Somit spüren sie allerdings auch keine Reue mehr, die eine Handlung mit der Konsequenz daraus und einem möglichen Lerneffekt verknüpfen könnte.