Man stelle sich einen beliebigen amerikanischen Justiz-Thriller vor: Ein junger Mann wird unter Mordverdacht festgenommen, er kommt in U-Haft. Die Öffentlichkeit ist überzeugt: Er ist der Täter und sitzt zu Recht auf der Anklagebank. Doch sein Anwalt vertieft sich in die Akten, findet Ungereimtheiten und weckt Zweifel an der Schuld seines Mandaten. Am Ende erkämpft er einen Freispruch. Wir alle vor den TV-Bildschirmen sind glücklich: So funktioniert der Rechtsstaat.

Von Hollywood zurück in die Lausitz. Ende 2016 erschüttert ein furchtbarer Mord die Region. Als nach einigen Monaten ein Verdächtiger verhaftet wird, wächst schnell die Überzeugung: Der junge Syrer ist schuldig. Mehr als zwei Jahre prüft das Gericht alle Beweise. Rund 5000 Seiten umfassen die Akten zu dem Fall, immer wieder werden alle relevanten Zeugen befragt. Doch die einzigen Spuren, die direkt auf den Angeklagten verweisen, könnten auch zufällig an den Tatort gelangt sein.

Die Kammer um den Vorsitzenden Richter Christian Fisch stellt außerdem fest, dass es Fehler bei der Spurensicherung gegeben habe. Ein Schuldspruch ist unmöglich. In dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten. Auf diesem Grundsatz basiert unser Rechtssystem. Er schützt uns, unsere Familien und jeden Menschen in unserem Land vor einer unrechtmäßigen Verurteilung. Darauf sollten wir stolz sein.