Dennoch ist es wichtig, dass Steinmeier in Kiew Gesicht zeigt. Denn zu den Fakten gehört auch, dass im Osten der Ukraine seit vier Jahren ein Bürgerkrieg geführt wird, der Tausende Todesopfer gekostet hat. Der Minsker Friedensprozess hat weder Frieden gebracht, noch ist er ein Prozess: Nichts geht voran im Konflikt mit Russland.

Aber auch in der Ukraine selbst ist die Lage ernüchternd. Präsident Petro Poroschenko, vor vier Jahren als prowestlicher Hoffnungsträger gewählt, versprach damals, Korruption und Misswirtschaft zu besiegen, die Ukraine an die EU zu binden und Kurs auf einen Beitritt zu nehmen. Gelungen ist ihm nichts von alledem. Im Gegenteil: Unter dem Milliardär Poroschenko hat sich die Herrschaft der Oligarchen verfestigt, genau wie die abgrundtiefe Enttäuschung der Menschen über die Eliten.

Gerade Letzteres ist brandgefährlich, denn es treibt vor allem junge Menschen dem ultranationalistischen Lager zu, dessen Schlachtrufe in der Ukraine nicht mehr oder weniger dumm und aggressiv sind als in westeuropäischen Ländern. Sie haben dort aber einen echten Kriegsschauplatz! Und genau deshalb ist es so wichtig, dass ein deutsches Staatsoberhaupt sich zwei Tage Zeit nimmt, um in Kiew und Lemberg nicht nur mit Poroschenko zu sprechen, sondern auch mit Schülern und Studenten.

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