„Das ist eine historische Veränderung“, sagt der Präsident des Exil-Parlaments, Penpa Tsering. Nicht nur, weil Sangay fast 30 Jahre jünger als sein Vorgänger ist, sondern auch weil er mehr Einfluss haben wird.

Im März hatte der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter, die Abgeordneten um die Entbindung von seinen politischen Aufgaben gebeten. Daher liege die politische und adminis trative Verantwortung nun ganz in den Händen des Regierungschefs, so Tsering. Vor allem junge Exil-Tibeter erwarten viel. „Wir hoffen auf eine neue Politik gegenüber China“, sagt Tenzin Norsang vom Tibetischen Jugendkongress. Dessen Mitglieder stehen dem „Weg der Mitte“ und der damit verbundenen Forderung nach „wirklicher Autonomie“ im Rahmen der chinesischen Verfassung kritisch gegenüber. Sie streben nach Unabhängigkeit für ihre Heimat.

Parlamentspräsident Tsering warnt allerdings vor falschem Optimismus. Sangay habe sich im Wahlkampf für den „Weg der Mitte“ eingesetzt und sei auf dieser Grundlage im Frühjahr von 55 Prozent der 83 000 stimmberechtigten Exil-Tibeter gewählt worden. An der politischen Linie werde sich daher nichts ändern.

Das neu gewählte Exil-Parlament, das wie die Exil-Regierung von keinem Land der Welt anerkannt wird, tritt vom 16. September bis 1. Oktober zusammen. „Die Leute erwarten sehr viel vom neuen Premierminister“, weiß der Parlamentarier und frühere Chefredakteur des Senders „Stimme Tibets“, Karma Yeshi. Dessen Spielraum sei jedoch eher gering, denn der Erfolg exil-tibetischer Politik hänge vor allem von der chinesischen Regierung ab. Angesichts anhaltender Unzufriedenheit in Tibet, müsse sich die chinesische Führung jedoch mit der Frage auseinandersetzen, wie mit dem Problem langfristig umzugehen sei, sagt Kai Müller von der Internationalen Kampagne für Tibet. Bislang werde auf Unruhen „mit der Knute“ reagiert. Stabilität könne es aber nur geben, wenn die kulturellen Rechte der Tibeter anerkannt würden.