Selten habe ich mit solchem Vergnügen einen Roman über Herkunft gelesen. Für Sasa Stanisic ist sie eher ein Zufall des Lebens, das nach Neugier riecht. Als seine Großmutter die Erinnerungen verlor, begann er sie zu sammeln. Und so beschreibt der Leipziger Buchpreisträger sein Herkommen aus Visegrád, früher Jugoslawien, wobei sich seine Erinnerungen mit Fußnoten aus Gräueltaten vermengen, mit dem, was er später erfuhr. Seine Familie war vor dem Bosnienkrieg geflüchtet. Als 14-Jähriger in Heidelberg aber wollte er zweierlei nicht sein: Jugo und Geflüchteter. „Meine Rebellion war die Anpassung. Ich wollte dazugehören“, erinnert er sich. Der 41-Jährige aber legt nun das Ohr an die verblassten Farben und lauscht, wo seine Lust am Fabulieren und Erfinden herkommt. So erzählt er nicht nur über seine Herkunft, ein Land, das es nicht mehr gibt. Er beschreibt auch seine Ankunft in Deutschland, wo er und die Eltern aufgefordert werden, sich als Fremde an die Regeln zu halten. Wie sie die Vorurteile spüren! Fremd gleich aggressiv, primitiv, illegal. Zwiebel und Keime. Er beschreibt die Armut der Eltern, gut ausgebildet in Jugoslawien, in Deutschland an den Rändern körperlich und sozial ertragbaren Lebens. „Mutter starb tausend heiße Tode in der Wäscherei“, schreibt er. Vaters erster Job in Deutschland war bei der BASF Schwarzheide. Er habe nicht viel darüber geredet, nur, dass es dort den besten Döner gab. Anrührend, stimmig, zu Herzen gehend und doch unsentimental so die oft heiteren Beschreibungen des jungen Schriftstellers aus Ex-Jugoslawien in großartiger deutscher Sprache. Und so gelingt es diesem außergewöhnlichen Sprachkünstler, die Fesseln abzustreifen, die Herkunft auferlegt und wenigstens ein wenig das Nest der Missverständnisse auszuräumen. Mehr noch: Aus einem multikulturellen Land kommend, das in erbitterter Feindschaft zerbarst, schubst er sehr poetisch ins Nachdenken: Wie sicher ist das, was uns selbstverständlich erscheint?