Zausel, wohin man schaut. Zum Beispiel in den Spiegel. Coronahaare, Geißel der Menschheit! Ich kannte einen, der hatte im Nacken so lange Haare, dass er mit waghalsigem Scheitel und Pomade seine Platte am Hinterkopf verdecken konnte. Bei Sturm eine Falle. Das ist trotz dünnen Haupthaars also keine Option. Allerdings weigert sich die Liebste, meinetwegen zur Haarschneidemaschine zu greifen. In der Zeitung hat eine Expertin davon abgeraten, zu Hause nachzumachen, was Friseurinnen und Friseure jahrelang trainiert haben.

Trotzdem neide ich meinem Kollegen dessen neue Frisur. War seine Frau. „War teuer“, sagt er. Nach sechs Wochen erzwungener Friseur-Schließungen spielt das keine Rolle mehr. Ich hingegen versaue bei der Selbsthilfe die Koteletten. Mehr traue ich mich nicht. Und die Qual hat kein Ende. Obwohl die Fachleute ab 4. Mai wieder am Start sind, heißt es jetzt „kein Termin frei“ oder zwischen 8 und 20 Uhr Warten.

Gibt es einen Ausweg? In einer langen Nacht, acht Folgen am Stück, habe ich Joe Exotic dabei zugesehen, wie er mit haarigen Ansichten berühmt wird: Der Raubtierzüchter und Privatzoo-Besitzer aus der Netflix-Dokuserie „Tiger King“ trägt Vokuhila stolz wie einst Rudi Völler. Weil es 2020 nichts mehr wird mit dem Friseurtermin, sollte ich wohl umfärben. Strähnchen. Dann könnte ich im Cottbuser Tierpark am Raubtierhaus ein Selfie machen. Oder irgendwas mit Wölfen. Gehen Lausitzer Störche auch als Raubtiere durch? Jedenfalls fressen sie kleine, haarlose Frösche.

Oliver Haustein-Teßmer, Chefredakteur Lausitzer Rundschau (Foto vor der Coronakrise).
Oliver Haustein-Teßmer, Chefredakteur Lausitzer Rundschau (Foto vor der Coronakrise).
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