Es ist für beide Nationen von zentraler Bedeutung: wirtschaftlich, gesellschaftlich, europapolitisch.

Angela Merkel hat beim verspäteten Antrittsbesuch der neuen nationalkonservativen Ministerpräsidentin im Kanzleramt ebenso moderate Töne angeschlagen wie zuvor Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei seiner Visite in Warschau. Es ist Freundlichkeit aus Vernunft.

Polen hatte bisher einen sehr guten Ruf in Westeuropa, vor allem in Deutschland und England. Die friedliche Revolution der Solidarnosc, die vielen fleißigen Handwerker auf deutschen Baustellen, die wissenshungrigen und weltoffenen Studenten, die fantastischen Fußballer. Das Nachbarland hat sich seit der Wende ein modernes, sympathisches Image erarbeitet, das die radikal-katholische PiS mit ihrer Gesinnungspolitik jetzt kaputt zu machen droht.

Szydlos Haltung gegenüber Fremden ist hinterwäldlerisch, ihre Kritik am deutschen Verhalten in der Flüchtlingskrise ungehörig und ihre Ansprüche an die Nato und Europa sind anmaßend. Die Dame ist vom Stamme Nimm. Nur ein Beispiel: Polen hat nicht eine Million Ukrainer als Flüchtlinge aufgenommen, wie die Ministerpräsidentin behauptet und wofür sie Anerkennung fordert. Sondern nur Billiglöhner reingelassen.

Die Dame ist auch vom Stamme Sensibel. Warschau macht neuerdings sogar schon deutsche Karnevalszüge und Büttenreden zum Gegenstand diplomatischer Demarchen, spielt selbst aber immer wieder mit Nazi-Vergleichen. Austeilen, aber bei Kritik schnell beleidigt sein, auch das gehört zur Mechanik radikaler Underdogs, die plötzlich Macht haben. Die verfolgte Unschuld Putin klingt oft ganz ähnlich.

Die nationale Hysterie der PiS, ihr Fundamentalismus und ihr rabiates Durchregieren stören Polens Entwicklung. Aber erstens sind diese Erscheinungen, anders als die AfD in Deutschland oder der Front National in Frankreich, noch immer Pro bleme einer postsozialistischen Transformationsgesellschaft, die man erklären kann und für die man sogar ein gewisses Maß an Verständnis aufbringen muss. So schnell wachsen gelebte Demokratie, Toleranz und Liberalität eben nicht. Und zweitens sind es polnische Probleme. Die Polen selbst werden sie lösen. Sie werden sie lösen müssen, wenn sie am Ende nicht zurückgeworfen werden wollen in die europä ische Steinzeit mit kultureller Engstirnigkeit.

Man kann Szydlo und Kaczynski derzeit keinen größeren Gefallen tun, als sie in Europa zu isolieren - das führt zu Trotzreaktionen im Lande und stabilisiert ihre vorübergehende Mehrheit noch. Nichts ist für die PiS hingegen so gefährlich, wie die anhaltende Offenheit Europas gegenüber diesem Land und seinen Bürgern. Auch wenn es manchmal schwerfällt.

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