Dahinter steckt nichts Geringeres als die weitreichendste Sozialreform dieser Wahlperiode. Dafür hat die Große Koalition in Berlin ein großes Kompliment verdient.

Nun endlich entscheidet sich der Umfang der Pflegebedürftigkeit nicht mehr am Maß der körperlichen Gebrechlichkeit, sondern an dem der verbliebenen Selbstständigkeit. Das nützt zuallererst den Demenzkranken, die nach den bisherigen Kriterien der Pflegeversicherung häufig leer ausgingen. Das rechnet sich aber auch für die meisten anderen Betroffenen. Können sie sich doch zum Teil über deutlich höhere Leistungen freuen. Natürlich haben die auch ihren Preis. Zum Jahreswechsel kommt es zu einer weiteren Beitragsanhebung.

Dass darüber keiner ernsthaft stöhnt, hat mit der breiten Akzeptanz der Pflegeversicherung zu tun. Jeder kann in die Situation geraten, ohne fremde Hilfe nicht mehr auszukommen. Also muss praktisch auch jeder ein Interesse daran haben, für diesen Fall umsorgt zu sein.

Ist damit nun alles eitel Sonnenschein in der Pflege? Sicher nicht. Dafür spricht schon die Personalnot in vielen Pflegeheimen.

Ein weiteres Problem ist das politische Gezänk um die künftige Pflegeausbildung. Ausgerechnet in Zeiten einer wachsenden beruflichen Spezialisierung will der Bundesgesundheitsminister die bislang getrennten Ausbildungswege für Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpfleger vereinheitlichen. Das kann noch nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Schon dieser Konflikt zeigt aber, dass der Pflegeversicherung die Reformbedürftigkeit nicht ausgehen wird. Künftige Regierungen werden sich darum kümmern müssen. Hoffentlich warten sie damit nicht so lange wie in der Vergangenheit.

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