Am 18. Januar 1990 erschien die "Lausitzer Rundschau" erstmalig mit der Zeile "Unabhängige Tageszeitung" in ihrem Titelkopf. Daneben die Erklärung "Wir sind ab heute unabhängig". Bis zu dieser Entscheidung war es ein schwieriger Weg, was sich allein daran ablesen lässt, dass sich zwischen dem 4. Dezember 1989 und dem 18. Januar der Zeitungskopf mehrfach änderte. Vom "Organ der Bezirksleitung der SED" zur "Zeitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands für den Bezirk Cottbus" am 5. Dezember zur "Sozialistischen Tageszeitung für den Bezirk Cottbus" am 11. Dezember. Das ging nicht ohne heftige Diskussionen innerhalb der gesamten Redaktion ab, denn damals war so etwas wie Basisdemokratie im Pressehaus ausgebrochen. Das hatte damit begonnen, dass wir eine neue Chefredaktion wählten, wofür uns Kollegen im Westen bis heute bestaunen. Es wurden auch alle Veränderungen im Haus intensiv, kontrovers und heftig diskutiert. Einerseits war klar, wer Schluss machen wollte mit dem Verlautbarungsjournalismus, der höchstens die eine oder andere Wahrheit zwischen die Zeilen schmuggelte, der konnte nicht mehr Organ der Bezirksleitung der SED sein. Der musste parteiunabhängig sein, nur den Tatsachen und seinem Gewissen verpflichtet. Eine Voraussetzung, um Ernst zu machen mit der Demokratie. Schließlich ist die Pressefreiheit eine der wichtigsten Errungenschaften der Französischen Revolution, verankert im Code Napoleon und nicht zufällig im Grundgesetz der Bundesrepublik. Für die meisten hier im Hause stand fest, sie wollten den Weg zu einer demokratischen Gesellschaft mitgestalten. Was auf der Straße und in Diskussionsrunden geschah, drängte in die Zeitung. Mehr und mehr wurde sie Teil der öffentlichen Diskussion. Sie nahm so - quasi mit dem Lauf der Ereignisse - die Position einer unabhängigen Tageszeitung ein. Leute äußerten sich, die im Bezirk Cottbus schon lange keine Stimme mehr hatten, wie der kritische Liedermacher Gerhard Gundermann. Über den Verfall der Cottbuser Altstadt wurde diskutiert - noch vor Monaten ein Unding. "Es bewegt mich sehr, dass ich in der DDR frei reden kann", sagte Herbert Schnoor, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, dem damaligen Chefredakteur Wolfgang Nagorske im Interview. Wir veröffentlichten die Erklärung zum erweiterten Empfang der BRD-Fernsehprogramme und führten die Rubrik "Neue Parteien haben das Wort" ein. Vor allem aber kamen die Leser zu Wort - unzensiert. Inhaltlich also war die RUNDSCHAU auf gutem Wege. Aber noch immer war sie "Sozialistische Tageszeitung". Unabhängig klang das nicht. War es auch nicht. Nach wie vor lebte die RUNDSCHAU von Partei-Subventionen. Anzeigen, die eine Zeitung heute zum großen Teil finanzieren, gab es nicht. Auch keine Anzeigenabteilung. Die Unabhängigkeit, die wir wollten, konnten wir uns eigentlich nicht leisten, auch am 18. Januar nicht. Postwendend teilte uns die SED-PDS mit, dass wir uns ab Februar auch finanziell unabhängig fühlen dürfen. Das große Rechnen begann, die Anzeigenabteilung wurde aus dem Boden gestampft, zum Teil besetzt mit Journalisten. Und Tag und Nacht gearbeitet. Wir haben es aus eigener Kraft geschafft. Inzwischen ist die Erkenntnis dazugekommen: Wie die Demokratie will die Unabhängigkeit jeden Tag neu erstritten sein.