Das ist ja mal ein bildungspolitischer Erfolg: Seit 2011 ist die Zahl der funktionalen Analphabeten um ein Fünftel zurückgegangen. Mehr als eine Million Erwachsene haben gut genug Lesen und Schreiben gelernt, um am gesellschaftlichen, beruflichen und politischen Leben teilnehmen zu können. Zu verdanken haben sie das den politischen Anstrengungen der vergangenen Jahre, der Unterstützung aus der Zivilgesellschaft und nicht zuletzt auch sich selbst. Doch so sehr der bildungspolitische Erfolg für jeden der 1,2 Millionen Neu-Leser auch ein persönlicher ist – den Bildungspolitikern zeigt er allein, dass die Richtung stimmt. Nicht das Tempo.

Denn zugleich zeigt sich, dass trotz aller Fortschritte immer noch jeder Achte nicht gut genug lesen und schreiben kann. Meist betrifft das Erwachsene, die ohnehin schon am Rand der Gesellschaft stehen. Besonders viele funktionale Analphabeten gibt es unter Arbeitslosen, Hausfrauen und -männern sowie Erwerbsunfähigen. Gruppen, die besonders schwer zu erreichen sind. Läuft es schlecht, kommen bald die Flüchtlinge dazu. Viele von ihnen tauchen in der Statistik nämlich noch gar nicht auf, ganz einfach weil man zuerst deutsch sprechen muss, bevor man es schreiben kann. Hier sind die Integrationskurse gefragt.

Zugleich jedoch wird das Lesen in Folge der Digitalisierung im Alltag für alle immer wichtiger. Wo es statt eines Fahrkarten- oder Bankschalters nur noch Ticket- und Überweisungsautomaten gibt, muss man lesen können, um sie zu bedienen. Und welche Herausforderungen sich Analphabeten im Gesundheitssystem stellen werden, wenn Arzttermine nur noch online und nicht mehr per Telefon zu bekommen sind, lässt sich leicht ausmalen. Deshalb muss dringend dafür gesorgt werden, dass die sechs Millionen funktionalen Analphabeten schleunigst erreicht werden.

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