Herr Geißler, hätten Sie sich vor dem Wahltag am 18. September eine große Koalition in Deutschland träumen lassen„
Ich habe sie befürchtet. Die Union hatte kein Marketingproblem. Sie hat eine inhaltliche Schieflage. Wenn das Hauptproblem darin besteht, dass Millionen Menschen Angst vor der Arbeitslosigkeit haben, dann darf man ihnen nicht noch zusätzlich Angst machen, indem man den Kündigungsschutz lockern oder den Flächentarifvertrag aufheben will. Es war gut gemeint, aber falsch gedacht.

Seit drei Wochen ringen SPD und Union um die Macht im Kanzleramt. Haben Sie Ver ständnis für das personalpolitische Gezerre“
Ich habe Verständnis dafür, dass die Union bestimmt, wer Kanzler wird. Wir sind schließlich nicht in Südamerika, wo Leute an der Macht bleiben wollen, auch wenn sie die Wahlen verloren haben.

Der Führungsanspruch von Angela Merkel steht für Sie außer Zweifel„
Ja. Die Union hat vier Abgeordnete mehr. Und das ist entscheidend. Es wäre doch reine Willkür, den Führungsanspruch erst bei sechs oder acht oder zehn Mandaten beginnen zu lassen.

Bei der SPD sagt man sich offenbar, wenn schon Merkel als Kanzlerin, dann zumindest mit sozialdemokratischem Programm. Was bedeutet das für Merkel“
Welches Programm meinen Sie„ Das von Gerhard Schröder oder Ottmar Schreiner“ Die CDU muss sich endlich wieder auf ihren Charakter als Volkspartei besinnen. Reformen müssen sein, aber sie darf sich dem Volk nicht als aufgeblasene FDP präsentieren.

Aber es ist doch absehbar, dass sich die CDU im Bündnis mit der SPD auch von Inhalten verabschieden muss. Stichwort Gesundheitsprämie oder Beschneidung der Arbeitnehmerrechte.
Das müsste sie auch ohne eine Regierung mit der SPD. Denn genau solche Punkte haben ja dazu geführt, dass die Union die Wahl verloren hat. Angela Merkel, die für diesen Kurs stand, muss nun das Ruder herumreißen. Es gehört zur Demokratie, dass man auf die Wähler hört.

Die Wahlanalyse der Union ist auf die Zeit nach der Regierungsbildung vertagt. Erwarten Sie ein Scherbengericht für Merkel„
Wir brauchen kein Scherbengericht. Aber wir dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen. Angela Merkel muss jetzt einen Prozess der geistigen und politischen Erneuerung einleiten. Mit 35 Prozent ist man keine Volkspartei mehr.

Friedrich Merz hat das enttäuschende Wahlergebnis der Union auch auf das Personalangebot, sprich Merkel, zurückgeführt. Sagt er damit nicht, was viele in der Union denken“
Friedrich Merz ist ein mutiger Mann. Er lässt sich sogar von Fakten nicht ins Boxhorn jagen. Mit diesem Wahlprogramm wäre auch eine andere Führung gescheitert. Es ist den Wirtschaftsliberalen in der Union, die ständig vor der angeblichen Sozialdemokratisierung der Union gewarnt haben, zu verdanken, dass wir jetzt in den Armen der SPD gelandet sind.

Eigentlich müssten Sie doch froh sein, dass die Union mit der SPD koaliert und nicht mit den Liberalen.
Die SPD hat in den vergangenen Jahren ihre Seele verkauft. Sie wird - gelähmt durch Lafontaine - ein schwieriger Partner werden. Es wird auf die CDU ankommen, ob sie die geistige Kraft besitzt, ein Konzept zu entwerfen, wie man durch eine internationale sozial-ökologische Marktwirtschaft den unaufhaltsamen Prozess der Globalisierung human und sozial gerecht gestalten kann. Nur so kann man den Menschen wieder Hoffnung und Zuversicht geben.

Mit HEINER GEIßLER
sprach Stefan Vetter