Ein fremdsprachiges Schulbuch liegt auf dem Esstisch mit der weißen Tischdecke. Liebevoll streicht Brigitte Schramm über den Einband, blättert darin. Sie lächelt: "Es macht mich schon stolz, wenn ich es aufschlage." Zwei Jahre Arbeit hat die Hoyerswerdaerin gemeinsam mit anderen Autoren in das Werk gesteckt. Nun liegt es schwarz auf weiß vor ihr - ihr sorbisches Lehrbuch. "So etwas kann nur machen, wer lange genug auf diesem Gebiet aktiv ist", sagt Brigitte Schramm.
Lange aktiv, das ist sie: Schulleiterin, Mitglied im Bundesvorstand der Domowina, des Dachverbandes der Sorben, Leiterin des Regionalverbandes Hoyerswerda, Mitglied im städtischen Beirat für sorbische Angelegenheiten und - trotz Pensionierung - weiterhin Sorbisch-Lehrerin. Auch im Stadtrat hat sie schon gesessen. "Das hat sich einfach so ergeben. Ein Ehrenamt ist mit viel Arbeit verbunden, da reißt sich heute keiner mehr drum. Und bei mir wissen die Leute, dass ich hinter dem stehe, was ich mache", erläutert die Hoyerswerdaerin und fügt hinzu: "Mein Mann hat seine Malerei und ich eben das."
Aufgewachsen ist Brigitte Schramm in Panschwitz-Kuckau (Landkreis Kamenz) als Kind eines deutschen Vaters und einer sorbischen Mutter. Sie besuchte die Sorbische Oberschule in Bautzen und wurde in der achten Klasse Mitglied der Domowina. "An der Schule wurde rund um die Uhr sorbisch gesprochen", erinnert sie sich. "Da gab es kaum eine Ausnahme. Die Internatsleitung hat streng auf die Einhaltung geachtet."
Nach dem Studium in Leipzig wurde sie als Fachlehrerin für Russisch und Sorbisch in Hoyerswerda eingesetzt. Und dort bot sich der damals jungen Frau ein ganz anderes Bild als in Panschwitz-Kuckau. "Mein Heimatort ist zu der Zeit viel sorbischer gewesen als Hoyerswerda", erzählt sie. "Aber ich habe hier immer so nette Kollegen und Schüler kennengelernt. Da dachte ich, hier lohnt es sich, nicht nur sorbische Traditionen, sondern auch die Sprache zu fördern. Denn was ist ein Volk ohne seine Sprache."
Brigitte Schramm hat ihre Aufgabe gefunden, blieb in Hoyerswerda. Neben der Arbeit in der Domowina setzt sie sich beispielsweise im Beirat für sorbische Angelegenheiten für das Witaj-Projekt ein, das Kinder frühzeitig an die Sprache heranführt. Und für das Hoyerswerdaer Gymnasium Johanneum ist sie sogar noch einmal aus ihrem Ruhestand zurückgekehrt. Im Sorbisch-Unterricht wollte sie vorübergehend als Lehrerin aushelfen - für ein Jahr. Inzwischen steht sie bereits das dritte Jahr wieder vor Schülern. Und sie schätzt die Arbeit, wie sie sagt. Im vergangenen Jahr zum Beispiel, als an dem Gymnasium Geografie zweisprachig unterrichtet wurde, "das hat mich gereizt". Wenn etwas Neues anstehe, kribbele es ihr nach wie vor in den Fingern. Dann möchte sie wissen, ob sie die Herausforderung noch meistern kann. "Ich bin eben ein optimistischer Typ."
Für ihr Engagement ist Brigitte Schramm 2003 mit dem Preis der Domowina ausgezeichnet worden, der verdienstvollen Sorben verliehen wird. "So etwas ist schon eine große Anerkennung. Es freut mich, wenn andere würdigen, was ich mache." Dabei sei für sie vieles an ihrer Tätigkeit selbstverständlich. "Für andere da zu sein, dazu haben mich meine Eltern erzogen."
Unterdessen hat die Volkshochschule angefragt, ob sie dort nicht Sorbisch-Unterricht geben wolle. Zugesagt hat sie noch nicht. "Aber ich bin nicht abgeneigt, mal das Lehrbuch auszuprobieren", sagt sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

Steckbrief Was wäre ein Volk ohne seine Sprache
Geboren am 13. November 1942 in Räckelwitz (Landkreis Kamenz).
Familie: Ehemann Benno (69); Kinder: Andreas (44) und Michael (38).
Beruf: pensionierte Lehrerin für Russisch, Sorbisch und Ethik.
Größte Niederlage: Dass so viele Schüler Hoyerswerda den Rücken kehren müssen.
Größter Erfolg: Dass ich so lange bei guter Gesundheit meiner beruflichen Tätigkeit nachgehen konnte und auch noch kann.
Zuletzt geärgert habe ich mich über den Abriss im Stadtzentrum.
Zuletzt gefreut habe ich mich über einen Urlaub in Montenegro, in dem ich mich mit meinem Sorbisch sehr gut verständigen konnte, weil die Sprache dem Serbischen sehr ähnlich ist.
Wenn ich einen Wunsch frei hätte. . . , dann würde ich Gesundheit für meine Familie und meinen Freundeskreis wollen.
Lebensmotto: Wer Güte erweist, kann Güte erwarten.
Vorbilder: In erster Linie meine Eltern, die mich sehr sozial und gläubig erzogen haben, dann der Humanist Albert Schweitzer und der verstorbene Hoyerswerdaer Pfarrer Joseph Hoffmann.
Was ich noch sagen wollte: Ich hoffe, dass die Revitalisierung der sorbischen Sprache Früchte trägt. Denn was wäre ein Volk ohne seine Sprache.