ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:10 Uhr

„Mein Leben ist wunderbar – so wie es ist“

„Mensch, Ina, der schreckliche Unfall von Ronny Ziesmer – genau wie bei dir damals . . .“ Immer wieder wird Ina Vollmering, geborene Heinemann, dieser Tage auf den schweren Sportunfall des Turners angesprochen, immer wieder winkt sie energisch ab. „Bei mir ist das doch alles ein Klacks gegen das, was der Ronny nach seinem Halswirbelbruch wohl durchmachen muss. Ich kann doch ein völlig selbstständiges Leben führen.“ Von andrea hilscher

„Ein Klacks“ , sagt die mehrfache Bahnrad-Junioren-Weltmeisterin aus Kahren. Ein Leben im Rollstuhl„ Ein Klacks“
Oktober war es, vor neun Jahren. Die Straßen nass und glitschig, der mit Radsportlern besetzte Kleinbus zu schnell. Der dritte Baum rechts, bei Klein Oßnig, er hat das Leben der damals Neunzehnjährigen von Grund auf verändert. „Die ersten Wochen im Krankenhaus und in der Heidelberger Reha kam ich gar nicht zum Nachdenken“ , sagt sie heute. „Immer nur liegen, viel Besuch - das Wort Querschnittlähmung blieb erstmal fremd.“
Erst als es daran ging, den Umgang mit dem Rollstuhl zu üben, wurde ihr klar, was alles sich an ihrem Alltag künftig ändern würde. „Allein schon das Sitzen kostete anfangs unheimlich viel Kraft. Rauszukriegen, wie man eine Tür am besten öffnet oder was man macht, wenn man mit dem Rolli mal nach hinten kippt.“ Praktische Probleme.

Mit Disziplin und Ehrgeiz
„Sportler sind ehrgeizig. Haben sich Disziplin antrainiert, wissen, wie man sich durchbeißt. Und können Niederlagen einstecken. Auch wenn sie nicht immer so herbe sind wie diese.“
Eigenschaften, die ihr halfen, eine Herausforderung anzunehmen, die nicht mehr in neuen Rekorden und Trophäen bestand, sondern schlicht darin, das Leben neu zu lernen.
Freunde, Familie, Sportkollegen - wer immer sie besuchte, musste das Wort Mitleid ganz schnell aus seinem Vokabular streichen. „Leute, ich habe überlebt. Ich bin nicht behindert - ich kann eben nur einfach nicht mehr laufen.“
Statt weiter an ihrer Radsportkarriere zu basteln, setzte sich die junge Frau neue Ziele. Machte den Führerschein, beendete ihre Ausbildung bei der Bahn, zog in eine eigene Wohnung.
„Ich hatte ja riesiges Glück, dass mein Unfall von der Berufsgenossenschaft anerkannt wurde. Ich beziehe eine lebenslange Rente, habe niemals Probleme, wenn es um Erleichterungen meines Alltags geht. Autoumbauten, andere Hilfen zur Selbstständigkeit wurden mir immer gewährt.“
Um ihren Wagen ging es auch, als sie - gerade aus der Reha zurück - ein Cottbuser Autohaus besuchte. „Ein Mann wollte mir die Tür aufhalten, ich habe gefaucht ,kann ich alleine'.“ Der Mann, vom Zivildienst her an Rollstuhlfahrer gewöhnt, war beeindruckt, lud Ina zum Kaffee ein - und verliebte sich in die lebensfrohe junge Frau. Mittlerweile sind die beiden verheiratet, haben eine vierjährige Tochter und ein modernes Haus in Kahren.
Ihren Alltag bewältigt Ina Vollmering fast völlig ohne Hilfe. „Den Garten macht mein Mann, weil der Rollstuhl zu tiefe Furchen in die Beete gräbt. Beim Einkaufen muss ich eben Leute bitten, mir die Sachen aus den oberen Regalen zu holen, und wenn wir unsere Schwiegereltern besuchen wollen, lasse ich mich in den vierten Stock tragen. Alles nicht schön, aber auch nicht wirklich tragisch.“
Auch die Schwangerschaft, das Leben mit Kind bekam sie gut in den Griff. „Maxi war als Säugling oft bei mir auf dem Schoß. Ganz still, als wenn sie gespürt hat, dass sie bei mir nicht so rumzappeln kann.“ Heute ist die Kleine ein quirliger Wirbelwind. „Aber selbst, wenn sie wegrennt - sie weiß, dass sie nicht außer Sichtweite darf. Weiß auch, dass sie ihrer Mutter manchmal helfen muss. Sie muss einfach etwas früher als andere Kinder Verantwortung für sich übernehmen.“
Eigentlich hatte Ina Vollmering schon nach der Babypause zurückkehren wollen in ihren Beruf als Reiseverkehrsfrau. „Aber die Zeit mit dem Kind ist einfach zu schön. Ich gönne mir jetzt den Luxus, die Kleine einfach zu genießen. Arbeiten kann ich später immer noch.“
Dieses Genießen ist zu einem zentralen Thema ihres Lebens geworden. „Ich habe doch am eigenen Leib gespürt, wie schnell alles vorbei sein kann. Wie viel Zeit man vergeudet mit Arbeit und Hektik und auch mit dem Training als Leistungssportler.“ Ihre Teamkollegen von einst beneidet sie heute nicht. „Die hetzen von Trainingslager zu Trainingslager, ich dagegen habe Zeit für das, was mir wichtig ist. Meinen Mann, meine Tochter, Freunde, die Schwiegereltern.“
Ina Vollmering, bis heute Inhaberin einiger Rekorde ( „sogar ein DDR-Rekord ist noch dabei“ ), Ehefrau, Mutter sagt über sich: „Ich führe ein total glückliches Leben“ , und man nimmt ihr diese Worte ab.

Einmal richtig tanzen
Träume„ Sie denkt nach. „Nichts großes. Keine Weltreise oder so, ich habe ja alles, was ich brauche. Mein Mann liebt mich, meine Familie unterstützt mich, wir haben Freunde, unternehmen schöne Reisen, was will ich also mehr““
Dann noch eine Minute nachdenken. „Vielleicht, wenn ein Wunder geschähe, wenn die Forschung etwas fände - so ein paar Sachen gäbe es schon. Einmal richtig tanzen mit meinem Mann. Fangen spielen mit der Tochter, einfach mal wieder loslaufen eben.“
Aber, so sagt sie, eine ihrer Stärken sei es, immer das Positive zu sehen. „Und ich kann doch noch so unendlich viel machen. Aber wie es mir gehen würde, wenn ich völlig auf die Hilfe anderer angewiesen wäre„ Nicht mal mehr die Arme benutzen könnte“ Keine Fernbedienung, keinen Telefonhörer, kein Taschentuch mehr benutzen könnte?“
Sie schüttelt den Kopf. Nur nicht nachdenken über das „was wäre, wenn . . .“ . Sie blickt auf ihre Tochter und lächelt wieder. „Das hier, das ist mein Leben. Ein Kuss von Maxi zählt mehr als jede Trophäe und jeder Sieg im Sport.“
Dieser Sport, der einmal ihr Leben war - heute spielt er kaum noch eine Rolle. „Manchmal schaue ich mir ein Radrennen im Fernsehen an, es sind ja noch immer Fahrer dabei, die ich kenne.“ Auch Detlef Uibel, heute Bundestrainer und damals Fahrer des Unfallwagens, ist noch aktiv. „Er hat mich in den Rolli gebracht, das steht bis heute zwischen uns“ , sagt sie. Meidet die Begegnung mit ihrem früheren Trainer.
„Er ist wieder ganz der Alte“ , sagt Ina Vollmering. „Trainiert weiter, fährt weiter Auto. Und, wie andere Sportler mir erzählt haben, manchmal noch immer zu schnell. Sein Leben hat sich nach dem Unfall nicht verändert. Nur mein Leben, das ist jetzt eben ein Leben im Rollstuhl.“