. Die Schützen sind die Ersten. Es ist noch kalt an diesem Herbstmorgen, als sie zu den Jagdkanzeln im Revier bei Fehrow (Spree-Neiße) ausrücken. Raureif liegt auf den Gräsern. Erst später kommen die Treiber. Männer und Frauen, die an diesem Vormittag mit Hunden fünf Kilometer durch das Dickicht laufen, um das Wild rauszudrücken. Vor die mit Zielfernrohren ausgestatteten Gewehre, mit denen die Jäger im Anschlag auf den Hochsitzen hocken.

Was umgangssprachlich als Treibjagd bezeichnet wird, nennen die Jäger selbst lieber Stöberjagd - der Hunde wegen, die durchs Unterholz drängen. Besonders laut lärmen müssen die Jagdhelfer neben ihnen ohnehin nicht. "Die Tiere sollen ja nicht hochschrecken, sondern langsam herauskommen, damit der Jäger einen richtigen Schuss anbringen kann", sagt Doreen Schäfer.

Die begleitet ihren Mann manchmal auf die Jagd. Heute schmiert sie Hackepeterbrötchen und kocht Kaffee in einer Holzhütte auf dem Hof des Fehrower Forsthauses. Nach mehreren Stunden im Wald werden die Jäger am Mittag dort erwartet. Die Sonne scheint, das Thermometer ist inzwischen auf zehn Grad Celsius geklettert. Ein Lagerfeuer lodert.

Es ist Tag zwei einer dreitägigen Jagd mit über 40 Teilnehmern. Viele davon haben weite Wege zurückgelegt. Sie kommen aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, sogar aus Schweden. Stöberjagd in Brandenburg, das ist auch ein Geschäft. Einhundert Euro Gebühr pro Tag zahlen die Jäger in die Kasse der Brandenburger Forstverwaltung, die diese Jagd im Spree-Neiße-Kreis ausrichtet. Für das Hotel- und Gastgewerbe sind die Waidmänner gute Kunden.

Drei Jäger aus Braunschweig gehören zu den ersten, die mittags am Forsthaus eintreffen und zu den Glücklosen. Schon am Vortag hatten sie nichts geschossen. "Man kommt ja nicht her, um nichts zu schießen", sagt einer enttäuscht und verstaut seine Jagdflinte im Kofferraum seines Autos.

Doch noch besteht Hoffnung, dass die Reise nicht gänzlich umsonst war. Das Gebiet, in das es am nächsten Tag gehen soll, gilt als wildreicher. Am Ende der von der Oberförsterei Cottbus veranstalteten Jagd werden 60 Tiere erlegt worden sein, darunter auch ein Hirsch mit beachtlichem Geweih.

Jagd, das ist nicht nur eine männerdominierte Welt mit für Laien unverständlichen Fachbegriffen, sondern auch viel Tradition. Ein mit Tannengrün ausgelegter Platz, etwa fünf Meter im Quadrat, gehört dazu. Hier wird die Strecke gelegt.

Rehe mit geöffnetem Leib, ein Wildschwein und ein junger Hirsch, ein "Spießer", werden nach und nach aus den Autos der Jäger gehoben und auf das Tannengrün gebettet. Ein Zweig wird jedem toten Tier ins Maul geschoben. "Der letzte Bissen", sagt Anja Skorsetz. "Man zeigt damit, dass man das Tier auch achtet, das man schießt."

Die 36-jährige Landwirtin kommt aus Wormlage im Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Sie ist Jungjägerin und wie Hannes Kops aus Spremberg als Jagdhelfer dabei. Als die beiden Gelegenheit bekommen, ein geschossenes Rotwild aufzubrechen, stößt Anja Skorsetz einen kleinen Freudenjauchzer aus. Wie Jungjäger Kops durfte sie bisher erfahrenen Jägern nur dabei zusehen, wie die ein Tier fachgerecht ausweideten.

Anja Skorsetz ist eine der wenigen Jägerinnen und über das Jagdhornblasen ans Gewehr gekommen. "Jagd ist ein Regulativ, kein Abgemurkse", verteidigt sie den Abschuss. Und die Hege gehöre ja als Pflicht dazu.

Auch Arne Barkhausen, Leiter der Oberförsterei Cottbus, sieht in der Jagd einen notwendigen Eingriff des Menschen in die Natur: "Es ist genug Wild da." Ohne Regulierung des Tierbestandes könne sich zum Beispiel der Baumbestand im Wald nicht verjüngen. Geschossen werden dürfe auch nur nach festen Regeln. Jagd, das sei auch harte Arbeit, so Barkhausen: "Das muss man auch wertschätzen."

Wer an diesem Herbsttag in Fehrow die Jäger fragt, was sie auf die Hochsitze zieht, der hört viel von Naturschönheit und Erholung. "Das Töten ist ja das Wenigste, das Beobachten ist toll", versichert auch Friedrich Struck aus Oldenburg. Dem ehemaligen Bäckermeister sieht man seine 71 Jahre nicht an. Nicht nur nach Brandenburg, bis nach Polen, Russland, Bulgarien fährt er, um zu jagen.

Als junger Mann hat er damit angefangen. "Das ist Passion, das kann man nicht einfach so lernen", erklärt er mit leuchtenden Augen. Sein Großvater sei Jäger gewesen und jetzt er. "Mein Vater hatte nichts damit am Hut, und mein Sohn will auch nichts davon wissen." Für Struck ist dieser Generationensprung der Beweis, dass ein Mann die Jagd im Blut hat - oder eben auch nicht.

Dass ihm gestern und heute das Glück nicht hold war, quittiert er mit einem breiten Lachen: "Ich habe nicht mal was gesehen, nur eine Maus und einen Schmetterling." Aber das sei nicht schlimm. Er habe in seinem Leben schon genug geschossen. Seit 50 Jahren geht Struck auf die Jagd.

Um einen als Tisch aufgestellten halben Baumstamm stehen Jäger aus dem Münsterland. Wie fast alle auf dem Platz in traditionelles Grün gehüllt. Wasserabweisende Wachsjacken, wärmendes Fleece, Loden und derbe Lederhosen, vom Gebrauch speckig. Orangefarbene Signalbänder um Hüte und Mützen sind Vorschrift, damit die Schützen im Jagdeifer nicht versehentlich aufeinander anlegen.

Mit 67 ist Hans Kemper der Älteste in der Runde, als Jäger aber ein Jungspund, der gerade seine Ausbildung hinter sich hat. "Früher hatte ich keine Zeit dazu", sagt der ehemalige Monteur. Und warum gerade die Jagd als Rentner-Hobby? "Ich habe die Statistik der Wildunfälle gelesen, da wollte ich helfen." Die Runde lacht.

Sein Jagdfreund Paul Laser, 44-jähriger Kfz-Meister, redet um den Reiz des Schießens nicht lange herum. "Natürlich steigt da das Adrenalin, der Puls geht hoch." Doch schief anschauen lassen will er sich dafür nicht. "Früher war das Nahrungsbeschaffung, heute ist es verpönt."

Die Männer aus dem Münsterland kommen nach Brandenburg zur Jagd, weil es hier Hirsche und Wildschweine gibt, die in ihrer Heimat fehlen. Nach Russland oder Bulgarien zieht es sie nicht. "Wir sind keine Trophäenjäger", versichert Laser.

Auf die Jagd zu gehen, ist kein billiges Hobby. Für ein Gewehr mit Zielfernrohr müssen 5000 Euro auf den Tisch gelegt werden. Spitzenprodukte der Büchsenmacher kosten ein Vielfaches davon.

Christiane Leber ist Revierförsterin in Kathlow und in Fehrow als Hundeführerin und Jagdhornbläserin dabei. Berufsbedingt ist sie aber auch selbst Jägerin. "Ich lass auch mal was aus", sagt sie über ihren nicht sehr großen Drang, zum Abschuss zu kommen. Doch grundsätzlich hat sie mit dem Erlegen kein Problem: "Wenn ich gar nicht schießen möchte, kann ich angeln."

Als alle erlegten Tiere auf dem Tannengrün liegen, werden gespaltete Baumstämme an den Ecken des Platzes entzündet. Oberförster Arne Barkhausen beglückwünscht die erfolgreichen Schützen. Dann erklingen die Hörner. Jede Tierart hat ein bestimmtes Signal. Zum Schluss ertönt "Jagd vorbei".

Ein Transporter fährt rückwärts an den Platz. Die erlegten Tiere werden aufgeladen. Ein Wildhändler wird das, was die erfolgreichen Jäger nicht zurückgekauft haben, später in der Kühlzelle des Forstamtes in Peitz abholen. Nur dem jungen Hirsch mit dem Spießergeweih wird vor dem Aufladen von einem Jäger mit schnellen geübten Griffen der Kopf abgetrennt. So viel Trophäe muss dann doch sein.

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Zum ThemaDie Jagd erfolgt in Deutschland nach einem Reviersystem. Waldeigentümer können darin kleine Flächen zusammenlegen. Die Reviere werden an Jäger verpachtet. Im Jagdjahr 2009/2010 wurden in ganz Deutschland mehr als 1,1 Millionen Rehe geschossen und rund 440 000 Wildschweine erlegt. Bei Rot- und Damwild lagen die Abschusszahlen mit rund 67 000 und knapp 60 000 wesentlich niedriger. 9500 Brandenburger und 6260 Sachsen sind Mitglied in den Landesjagdverbänden. Jagdverbände sind auch anerkannte Naturschutzverbände. Die Jagd soll einen gesunden und ausgewogenen Tierbestand in den Wäldern sichern. Die Jagdberechtigten müssen der Jagdbehörde jährliche Abschusspläne vorlegen. In den neuen Bundesländern hat sich die Zahl der Jagdscheininhaber von 1991 bis 2010 um 40 Prozent erhöht. Die Zahl des erlegten Schalenwildes (Rot-, Dam-, Muffel- und Schwarzwild sowie Rehe) wuchs in diesem Zeitraum um 62 Prozent. Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind im Osten die wichtigsten Jagd-Länder.