Frau Ministerin, welchen Einfluss hat der Ausbau der öffentlichen Kinderbetreuung auf das Familienbild in Deutschland?
In der gesellschaftlichen Diskussion hat sich zweifellos eine Menge getan. Wir gehen endlich offen damit um, wie Mütter, aber auch aktive Väter ein Leben mit Kindern und Beruf organisieren. Außerdem diskutieren wir über die Qualität der Betreuung. Die Frage, ob wir überhaupt Kinderbetreuung brauchen, ist ja gottlob positiv beantwortet.

In Ihrer Partei gibt es aber noch viele Vorbehalte. Wie reagieren Sie darauf?
Indem ich deutlich mache, dass die Veränderungen - vom Elterngeld über Kinderzuschlag bis zur Kinderbetreuung - dem Ziel dienen, Familie zu stärken. Das fördert die Akzeptanz in meiner Partei ungemein, denn es berührt den Kern von Unionspolitik: Verantwortung zu übernehmen und füreinander einzustehen.

Nach einer aktuellen Umfrage fühlen sich die meisten Eltern von der Gesellschaft gering geschätzt. Was läuft da schief?
Die jungen Eltern legen zu Recht den Finger in die Wunde, wenn sie sagen, wir brauchen flexiblere Betreuungsmöglichkeiten und eine familienfreundlichere Arbeitswelt. Das sind die beiden zentralen Punkte, die Müttern und Vätern oft das Gefühl geben, dass ihre Rolle noch immer nicht ausreichend akzeptiert ist. Und es stimmt ja auch: Was drei Jahrzehnte lang zu wenig beachtet wurde, können wir nicht binnen zwei Jahren nachholen.

Wie meistern Sie als siebenfache Mutter den Alltag? Kommen die Kinder auch oft zu kurz?
Die Zeit, in der ich für die Kinder da sein will, ist für mich unantastbar. Das wissen auch alle im Ministerium. Der zweite Anker, ohne den es nicht ginge, ist mein Mann. Übrigens: Heute, als erfahrene Mutter wünsche ich mir, dass ich in den ersten Erziehungsjahren nicht so oft ein schlechtes Gewissen gehabt hätte, wie es mir von außen gemacht wurde. Denn es kommt nicht nur auf die Menge der Zeit an, die man mit den Kindern verbringt, sondern auch, wie intensiv man diese Zeit nutzt.

Viele sagen, für den Nachwuchs sei es besser, wenn die Mutter wenigstens die ersten Jahre nach der Geburt zu Hause bleibt. Finden Sie das auch?
Ich finde, dass darüber jede Mutter selbst entscheiden soll. Studien belegen, dass es für das Kindeswohl unerheblich ist, ob die Mutter erwerbstätig ist. Entscheidend ist, wie zufrieden die jungen Mütter - und auch die jungen Väter - mit ihrer persönlichen Lebenssituation sind. Frustriert daheim ist genauso schlecht wie zerrieben im Beruf.

Der Staat gibt jährlich 189 Milliarden Euro für Familien aus. Trotzdem sind Kinder ein großes Armutsrisiko. Können Sie das erklären?
Wichtig ist: Nicht Kinder machen arm, sondern Familien sind arm, wenn die Eltern keine Arbeit haben. Der Staat kann nicht alle Aufwendungen für Kinder ersetzen. Das Grundprinzip muss vielmehr sein: Eltern müssen arbeiten, um den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder zu verdienen. Kinderarmut zeigt sich vor allem bei einer schlechten Vereinbarkeit von Familie und Beruf - siehe Alleinerziehende. Eine weitere gefährdete Gruppe sind kinderreiche Familien. Deshalb wollen wir das Kindergeld 2009 erhöhen.

Kinderreiche sollen am stärksten von der Erhöhung profitieren?
Grundsätzlich ja. Deutschland leidet nicht nur unter einer hohen Kinderlosigkeit insgesamt, sondern auch unter dem Verschwinden der Mehrkindfamilien. Das Kindergeld war lange Zeit deutlich nach der Kinderzahl gestaffelt. In den vergangenen 15 Jahren sind die Mehrkindfamilien aber ignoriert worden, für das dritte Kind ist das Kindergeld schon seit 1995 nicht mehr erhöht worden.

Die CSU fordert 174 Euro für das dritte und 229 Euro ab dem vierten Kind. Heute sind es nur 154 beziehungsweise 179 Euro. Unterstützen Sie die Pläne Ihrer Schwesterpartei?
Eine Lösung, das Kindergeld für das dritte und vierte Kind stärker zu erhöhen, ist grundsätzlich richtig. Über die konkreten Beträge wird entschieden, wenn im Herbst der Existenzminimumsbericht auf dem Tisch liegt.

Kritiker werfen Ihnen Schönfärberei beim neuen Elterngeld vor, weil es weniger attraktiv als vorgegeben sei. Beschweren sich Betroffene?
Nach der jüngsten Umfrage im Auftrag des Ministeriums unter Eltern, die 2007 Elterngeld bezogen haben, ist die Zufriedenheit enorm hoch: 74 Prozent finden das Elterngeld gut! Das sind drei Prozent mehr als im Frühjahr. Nur acht Prozent sagen, das Elterngeld hat uns nicht geholfen. Der Vorwurf ist, dass das Elterngeld auch eine steuerliche Bedeutung hat. Das stimmt: Das Gesamteinkommen entscheidet über die Steuerlast. Dies war aber auch beim Erziehungsgeld schon so.

Wollen Sie eigentlich über 2009 hinaus Familienministerin bleiben?
Ich bin mit großer Leidenschaft Familienministerin. Aber es gibt den Grundsatz, dass eine Wahl erst mal gewonnen werden muss, bevor es an die Verteilung der Posten geht.

Mit URSULA VON DER LEYEN sprach Stefan Vetter