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| 02:43 Uhr

Mehr Strahlkraft für DDR-Kunstsammlungen?

Ob Ulrike Kremeier vom dkw Kunstmuseum Dieselkraftwerk in Cottbus auch die Direktorin des Landesmuseums für zeitgenössische Kunst wird, will das Brandenburgische Kulturministerium noch nicht bestätigen. Jedenfalls kann sie in Cottbus auf einen reichen Fundus zurückgreifen. Im Depot befindet sich auch das Werk von Gerd Bonfert mit dem Titel "C80-17/Selbst auf Stuhl", eine Schenkung aus privater Hand.
Ob Ulrike Kremeier vom dkw Kunstmuseum Dieselkraftwerk in Cottbus auch die Direktorin des Landesmuseums für zeitgenössische Kunst wird, will das Brandenburgische Kulturministerium noch nicht bestätigen. Jedenfalls kann sie in Cottbus auf einen reichen Fundus zurückgreifen. Im Depot befindet sich auch das Werk von Gerd Bonfert mit dem Titel "C80-17/Selbst auf Stuhl", eine Schenkung aus privater Hand. FOTO: dpa
Cottbus. Wann wird es ein Brandenburger Landesmuseum für zeitgenössische Kunst geben? Noch steht der Termin in den Sternen. Aber für die Beteiligten in Cottbus, Potsdam, Frankfurt (Oder) und Beeskow ist die Idee längst keine Luftnummer mehr. Ida Kretzschmar

Sie haben einander schon in die Karten geschaut und sich im Allerheiligsten umgesehen. Im Depot. Die Kuratoren der Ausstellung, die ursprünglich von April bis Juni zeitgleich in Cottbus, Frankfurt (Oder) und Beeskow Schlaglichter auf Kunstwerke aus der DDR werfen sollte. Ein Projekt, mit dem sie noch enger zusammenrücken wollten auf dem Wege zu einem Brandenburgischen Landesmuseum für zeitgenössische Kunst mit mehreren Standorten.

Nun wurde der Termin für die Schlaglichter-Schau verschoben. Sie ist nun für das letzte Januarwochenende 2017 bis April 2017 geplant . "Auf die Schnelle hätten wir wohl nicht der Bandbreite der Sammlungen und der Qualität der einzelnen Kunstwerke gerecht werden können", begründet Ulrike Kremeier, die Direktorin des dkw. Kunstmuseums Dieselkraftwerk Cottbus, die Entscheidung auf Nachfrage. Was aber wohl noch mehr zählt als das noch gründlichere Sichten, kritischere Hinterfragen der Bestände und der Sammlungshistorie: "Wir sollten Schlaglichter setzen, wenn das Landesmuseum nicht mehr nur eine Idee, sondern Wirklichkeit ist", betont sie.

Womit sie wohl unausgesprochen damit rechnet, dass die Fusion zu Beginn des Jahres 2017 kommen wird. Darauf festlegen will sie sich nicht. Sie hofft nur, dass alles noch mit der Kulturministerin Sabine Kunst (SPD), einer der Mütter der Fusionspläne, unter Dach und Fach kommt, bevor diese sich wieder ganz der Wissenschaft widmet.

Für Ulrike Kremeier, die als künftige Direktorin des Landesmuseums im Gespräch ist, ist die Fusion eine Chance für die Sammlungen, die so noch mehr Strahlkraft bekommen sollen. Sie ist davon überzeugt: "Die Fusion macht für alle Sinn."

Das sieht auch Armin Hauer vom Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder) nicht anders, obwohl der einzige verbliebene wissenschaftliche Mitarbeiter des Hauses erst spät in die Stiftungspläne eingeweiht wurde. Ein Rettungsschirm für das Museum Junge Kunst? Der Kurator will dazu keinen Kommentar abgeben. Bedenken, dass das Haus an Eigenständigkeit verlieren könnte, sind noch nicht ausgeräumt.

Herbert Schirmer, jahrelang "Burgherr" in Beeskow, Vorsitzender des Fördervereins Kunstarchiv Beeskow und nun Kurator der Schlaglichter-Schau, fühlt sich seit Langem mit der Idee verbunden. "Ein Verbund lässt sich schwerer zerschlagen als ein einzelnes Haus", hofft er auf einen Stärkezuwachs. Ihm gefällt der vorurteilsfreie Blick von Ulrike Kremeier auf das Potenzial an DDR-Kunstwerken, die in den Depots schlummern. "Andere Museen gehen damit oft verschämt um", sagt er. Dabei seien diese Werke Teil der Kulturgeschichte. Angst, dass die Beeskower Sammlung untergebuttert werden könnte, hat er nicht. Es handele sich dabei ja nicht um eine klassische Kunstsammlung. Illusionen von gleichberechtigter Teilhabe in einem geplanten Landesmuseum hemmen ihn deshalb nicht am Mittun.

Nach einem Gutachten des Kulturministeriums habe es für Beeskow die Empfehlung zu Ausstellungen mit dokumentarischem Charakter gegeben. "Das hat durchaus seine Berechtigung. Gibt unsere Sammlung wie kaum eine andere doch auch Aufschluss über die Mechanismen des DDR-Systems, über die Anpassungsfähigkeit und die Auflehnung von Künstlern."

Ob mit oder ohne Beeskow: Für die Fusion sieht er kein Zurück. Noch wirkt es wie Kaffeesatzleserei, wenn über den Termin spekuliert wird. Zwar weiß es niemand offiziell. Aber immer wieder kommt der Januar 2017 ins Spiel. Das Konzept aus dem Frühjahr vergangenen Jahres sah zunächst eine einjährige Kooperationsphase vor der Fusion vor: ab 2016 gemeinsam erarbeitete und zeitlich verknüpfte Ausstellungen sowie Abstimmung der Gesamtaktivitäten. Wann es tatsächlich zur Fusion kommen wird und ob alle unter das bestehende Dach der bestehenden Brandenburgischen Kulturstiftung in Cottbus schlüpfen werden oder womöglich eine neue Stiftung gegründet wird, darauf will sich noch niemand genau festlegen.

Nach einem Experten-Workshop Ende des Jahres im Kulturministerium äußerte sich Sabine Kunst zuversichtlich zur Profilbildung des geplanten Landeskunstmuseums. "Zahlreiche Kunst- und Museumsexperten haben uns interessante und wichtige Hinweise und Impulse für die künftige Ausrichtung und Struktur gegeben. Diese werden wir jetzt auswerten und in die weitere Planung einfließen lassen", ließ die Kulturministerin, die sich am 19. Januar zur Wahl als Präsidentin der Berliner Humboldt-Universität stellt, vieles im Ungefähren.

Sie setzt auf Cottbus und Frankfurt: "Das Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder) und das Kunstmuseum Dieselkraftwerk in Cottbus haben in den vergangenen Jahrzehnten beeindruckende Kunstsammlungen zusammengetragen. Mit dem geplanten dezentralen Landesmuseum mit Standorten in beiden Städten wollen wir die beiden Museen zeitgenössischer Kunst gemeinsam etablieren und zu einer neuen außergewöhnlichen Kulturinstitution im Land Brandenburg werden lassen. Damit entstehen neue Möglichkeiten für die kunstwissenschaftliche Forschung - ebenso für die kulturelle Bildung, die Kunstvermittlung und das überregionale Marketing. Um dieses Potenzial zu erschließen, wird das Land für das neue Landeskunstmuseum zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen."

Wie viele das sein werden, darauf legt sie sich jetzt nicht fest. Im Konzept ist von zusätzlichen 200 000 Euro im Jahr die Rede. Natürlich müssten auch Städte in die Finanzierung eingebunden werden, bedarf es der Zustimmung der Stadtverordneten und der obersten für Kultur und Finanzen zuständigen Landesbehörde des Landtages. "Wenn einer dagegen stimmt, ist die Idee erst mal vom Tisch", glaubt Armin Hauer.

Zum Thema:
Die Sammlung des Cottbuser Kunstmuseums dkw. besteht aus etwa 30 000 Werken der Malerei, Fotografie, Plakatkunst und Zeichnung. In diesem Jahr werden in Cottbus dreizehn Ausstellungen, zwei museumspädagogische und drei externe Ausstellungen zu sehen sein. Den Auftakt geben Bilder von Bernhard Heisig mit der Schau "Gegenüber" und Arbeiten von Gerhard Altenbourg ab 30. Januar. Als Ersatz für die Schlaglichter-Ausstellung wird vom 18. April bis 19. Juni die Ausstellung Clara Mosch 1977-1982. Kunst in der DDR zwischen Repression und Selbstbestimmung gezeigt.In Frankfurt (Oder) befinden sich rund 11 000 Werke - fast alles Kunst aus der DDR. Zu den Ausstellungshöhepunkten 2016 gehört hier Herz Haus Messer Kreuz - Kunst-Zeichen aus der Sammlung. Die großen Themen: Liebe und Hass / Krieg und Frieden / Utopien und Katastrophen/ Spirituelles und Materielles - gebannt in Zeichen und Symbolen// Malerei, Grafik, Objekte von 38 Künstlern. Im Kunstarchiv Beeskow lagern etwa 23 000 Artefakte.