Dies allerdings oft in Branchen, für die man in und um Delitzsch längst keine Verwendung mehr hat.
"Weil längst alles platt gemacht ist", grummeln die Leute draußen in den Gängen: Schokoladenindustrie, Schienenfahrzeugreparatur, Braunkohlebergbau, Zuckerfabrik, Landwirtschaft. Allein in Sachsens Nordwestzipfel, den die Arge in Delitzsch - als Teil des derzeit am schwersten gebeutelten Arbeitsamtsbezirkes Leipzig - betreut, gibt es so über 10 000 Bedarfsgemeinschaften.

Geld, reden, Zuspruch
Um die 450 Betroffenen betreut die Nicole Grimmer im Moment. Die meisten von ihnen sehe sie nur zweimal im Jahr, erzählt sie. "Manche kommen aber auch öfter, entweder weil sie mehr Geld wollen oder mal reden möchten. Oder einfach nur Zuspruch brauchen", berichtet sie. Dabei ist sie gerade 22 Jahre alt, das Gros ihrer Kunden könnten ihre Eltern sein. Das sei aber kein Nachteil, beteuert sie. Viele fänden das sogar gut: "Sie hoffen so, ich wäre damit noch nicht so routiniert, so abgestumpft, kümmere mich mehr als ältere Betreuer."
Rund eine Dreiviertelstunde nimmt sich Nicole Grimmer im Schnitt "für jeden unserer Kunden Zeit". Hinterher weiß sie oft schon schnell, ob derjenige noch eine Chance auf Vermittlung hat. Am leichtesten bekomme sie junge Absolventen unter, die nach dem Studium keinen Job fanden, oder Selbstständige, die gescheitert waren. "Sie sind meist optimistischer eingestellt", sagt sie.
In jedem Fall setzte sie sich aber an den Computer und suche das Internet nach Stellen ab. "Manchen berate ich auch, wie man sich erfolgreicher bewirbt", erzählt sie. Einige seien auch durchaus qualifiziert, aber einfach nicht in der Lage, sich selbst in Bewegung zu setzen: "Sie brauchten erst einen Schubs." Jene versuche sie dann wenigstens zeitweilig in einen Ein-Euro-Job oder eine Trainingsmaßnahme zu bringen. "Damit sie wieder unter Leuten sind, Selbstvertrauen zurückgewinnen - auch wenn sie damit fast nie dauerhaft in Arbeit kommen", bedauert sie.
Gerade bei den 40- bis 50-Jährigen, der stärksten Gruppe, seien die Aussichten düster. "Es gibt einfach keine Jobs, in die man sie vermitteln könnte. Viele haben sich anfangs die Finger wund geschrieben, nun resignieren sie", beobachtet sie. So komme es "relativ oft vor", dass die Leute, wenn sie morgens zu ihr kommen, schon "eine Fahne haben". Oft gebe es auch Tränen.
Bedrohlich wächst unter den Kunden der Delitzscher Arge die Zahl jener, die nicht mehr nur am Nichtgebrauchtwerden leiden. "Es gibt sehr wenige, die nicht längst auch wahnsinnige andere Probleme haben, die sie nicht selbst lösen können", gesteht sie. Jeden fünften Kunden übergibt sie dann an ihre Kollegin Ellen Hartmann. Fallmanagerin nennt sich die 46-Jährige, Lebensmanagerin wäre wohl treffender. Denn ihre rund 80 Kunden steckten auch in tiefen Lebenskrisen: "Sie sind hoch verschuldet, können die Miete nicht zahlen, hängen an der Flasche oder härteren Drogen."

Vertrauen gewinnen
Sie in Arbeit zu vermitteln, wäre dann gar nicht mehr drin. Oft sei es zunächst sehr schwierig, sie überhaupt aufzuschließen, ihr Vertrauen zu gewinnen. "Einfach damit sie reden, ihre Notlage darlegen, zu ihren Problemen stehen und bereits sind, Hilfe anzunehmen", so Ellen Hartmann. Hierfür knüpften sie nun auch Drähte zu Schuldner-, Wohn- und Suchtberatungsstellen
80 bis 100 Betroffene bringen die Delitzscher Arbeitsvermittler monatlich in Arbeit. Meist seien das aber Minijobs und Beschäftigungen unter 400 Euro, so Nicole Grimmer. "Die boomen am ehesten, weil es für Arbeitgeber lukrativ ist: preiswert und sehr flexibel zu händeln." Vor allem Bauhelfer, Reinigungskräfte, Hausmeister in Teilzeit, Verkäuferinnen oder Außendienstler wären da gefragt. Doch Kunden der Arbeitsagentur bleiben sie damit meist weiter, denn was sie hier verdienen, reicht nicht zum Leben. Dasselbe treffe selbst auf jene jeweils 40 Langzeitarbeitslosen zu, die man 2005 und jetzt erneut über ein spezielles Projekt drei Monate Schule und dann für ein Jahr an Firmen vermittelte. Dabei seien jene, die diese Chance bekommen, "wirklich hoch motiviert", meint Nicole Grimmer betroffen.