Der beschworene Ruck ist ausgeblieben. Doch die damals von Herzog begründete Tradition der "Berliner Rede" lebt bis heute fort. Auch sein Nachfolger, der Sozialdemokrat Johannes Rau, hatte sich in den vergangenen Jahren auf diese Weise solch drängenden Themen wie der Globaliserung oder der Integration von Ausländern gestellt.
Im Maxim-Gorki-Theater der Hauptstadt hörten gestern rund 300 geladene Gäste seine vierte "Berliner Rede". Diesmal ging es um Deutschlands Verantwortung in der Welt. Ein Thema, über das sich ganz sicher zu debattieren lohnt, aber hinter vorgehaltener Hand stand auch der Redner selbst zur Diskussion. Denn just am Tage seines Auftritts im ältesten Konzerthaus Berlins, berichteten viele Zeitungen, dass der 72-Jährige "möglicherweise nicht mehr kandidieren will". Ein Hinweis darauf, dass der erste Mann im Staat wohl selbst nicht mehr mit einer Verlängerung seiner Amtszeit rechnet. Fast genau in einem Jahr tritt nämlich die Bundesversammlung zur nächsten Wahl des Präsidenten zusammen. Offiziell hat sich der gebürtige Wuppertaler noch nicht erklärt, doch wäre es ziemlich abenteuerlich, wenn sich Rau einer nochmaligen Kandidatur stellen würde, die prakt isch keine Aussicht auf Erfolg hat.
Rau lässt sich von der Diskussion nichts anmerken. Der Neuigkeitswert hält sich in Grenzen. Ausgehend vom Terroranschlag auf das World Trade Center im September 2001 fordert er Verständnis für die USA. Deutsche und Europäer machten sich "vielleicht zu wenig klar", wie sehr ein Land ins Mark getroffen sei, das sich "unverwundbar glaubte". Ohne den Irak-Krieg ausdrücklich zu kritisieren, gibt Rau aber auch zu verstehen, dass dem internationalen Terrorismus nicht mit militärischen Mitteln beizukommen ist. "Wir brauchen Mut zur Zivilität", sagt Rau. Denn es drohe die Gefahr eines Gewöhnungsprozesses, "an dessen Ende militärische Intervention und Krieg ein Instrument unter vielen ist". Einen Waffengang als "ultima ratio" will er allerdings nicht ausschließen. Zugleich plädiert der Bundespräsident f* amp*uuml;r eine Normalisierung der Beziehungen zu den USA: "Die großen Herausforderungen unserer Zeit können weder Amerikaner noch Europäer allein und schon gar nicht in Konfrontation lösen." Meinungsunterschiede zerstörten die deutsch-amerikanische Freundschaft nicht, ist Rau überzeugt.
Eingedenk des Irak-Krieges spricht er sich für eine Weiterentwicklung des Völkerrechts aus. Etwa dort, "wo es wie ein Recht gegen die Völker wirkt, weil es diktatorische Regierungen schützt, die ihre Völker misshandeln". Auch in Zukunft dürfe "kein Staat für sich das Recht auf Intervention beanspruchen", betont der Bundespräsident.
Seine Betrachtungen zu Europa reichen dann kaum über allgemeine Beschwörungen hinaus. Es gelte, die EU außen- und sicherheitspolitisch "wirklich handlungsfähig" zu machen, so Rau. Die größere deutsche Verantwortung bringt das Staatsoberhaupt in erster Linie mit der Bundeswehr in Verbindung. Immerhin stellt Deutschland nach den USA bei internationalen Friedensmissionen die meisten Truppen. Und doch erschöpfen sich Raus Gedanken weitgehend in der Klage, dass eine gesellschaftliche Debatte über die Zukunft der Bundeswehr noch immer aussteht.
Am Ende wird seine Rede mit höflichem Beifall bedacht. Doch wirklich mitgerissen fühlte sich offenbar niemand.