Es hörte sich an, als ob Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu schon direkt mit den Palästinensern sprechen würde. "Die Verhandlungen werden nicht einfach, aber wir beginnen sie mit Integrität, Ehrlichkeit und Hoffnung", sagte Netanjahu am Sonntag in der Kabinettssitzung zu Beginn der jüdischen Arbeitswoche. Viele Palästinenser werden da nur kurz aufgelacht haben. So wenig wie sie den Israelis ehrliche Absichten zutrauen, so sehr misstrauen aber auch die Israelis den Palästinensern.

Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas stehen deshalb im eigenen Lager unter ziemlich großem Druck. Israels stets optimistischer Präsident Schimon Peres stärkte Abbas in einem Telefonat den Rücken: "Sie haben eine mutige und historische Entscheidung getroffen, an den Verhandlungstisch zurückzukehren - hören Sie nicht auf die Skeptiker". Dasselbe hätte er genauso gut aber auch Netanjahu sagen können.

Gerangel über Vorbedingungen

Wie groß das Misstrauen ist, zeigte schon das monatelange Gerangel um die Voraussetzungen für Verhandlungen. Die Palästinenser wollten sozusagen schon vor Beginn für sie wichtige Ergebnisse festschreiben: Dass ihr Staat innerhalb der Grenzen entstehen soll, wie sie bis zum Sechstagekrieg von 1967 galten. Und dass Israel ihr künftiges Staatsgebiet nicht weiter besiedelt.

Netanjahu lehnte jede Vorbedingung ab. Allerdings werden diese Themen bei den geplanten Verhandlungen über die auch von ihm propagierte Zwei-Staaten-Lösung unweigerlich auf den Tisch kommen. Über 20 Jahre dauert der Friedensprozess und die Gesprächsthemen stehen seit Langem fest: Es geht um die Teilung des Landes, die Räumung der meisten kleineren Siedlungen, den politischen Status von Jerusalem, das Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge sowie um Sicherheitsgarantien für Israel. Die Regierung in Jerusalem verlangt zusätzlich, dass die Palästinenser Israel auch als jüdischen Staat anerkennen.

Netanjahu und Abbas hielten sich wohl aus gutem Grund erst einmal bedeckt, wie die von Kerry genannte Gesprächsbasis denn aussieht, auf die man sich geeinigt hat. Beide müssen eine Palastrevolution befürchten, wenn herauskäme, welche Zugeständnisse sie gemacht haben. Auch die Verhandlungen selbst sollen nach Netanjahus Worten "zumindest im Anfangsstadium diskret geführt werden".

100 Häftlinge kommen frei

Von großer Bedeutung für die Einigung könnte jedoch die Bereitschaft Israels gewesen sein, zumindest eine Forderung der Palästinenser doch zu erfüllen: die Freilassung von mehr als 100 Palästinensern. Es handelt sich um Häftlinge, die schon vor dem ersten Oslo-Friedensabkommen von 1993 wegen Anschlägen gegen Israelis verurteilt wurden. Dieses Thema ist für beide Völker schmerzhaft.

Für die Palästinenser handelt es sich um Freiheitskämpfer, die seit mehr als 20 Jahren und damit in manchen Fällen den größeren Teil ihres Lebens hinter Gittern sitzen. Für die Israelis sind es "Mörder mit Blut an den Händen", wie es die Zeitung "Jediot Achronot" formulierte. Das israelische Kabinettsmitglied Juval Steinitz kündigte an, unter den zur Freizulassenden seien auch einige "Schwergewichte", also wegen besonders schwerer Taten Verurteilte.

Verhandlungen in Washington

Schon kommende Woche oder kurz darauf sollen die Unterhändler beider Seiten, Israels Justizministerin Zipi Livni und der palästinensische Verhandlungsveteran Saeb Erekat, Gespräche in Washington aufnehmen. Ob in den ungeklärten Detailfragen dann noch der Teufel steckt oder ob beide rund 20 Jahre nach dem ersten Oslo-Vertrag tatsächlich einen neuen Anlauf für einen Frieden in Nahost nehmen können, wird sich spätestens dann zeigen.