"Menschen haben bei Straftaten schon immer weggeschaut, aber diese Tendenz hat sich nach unseren Beobachtungen im Süden Brandenburgs etwas verstärkt", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt. "Zu den Gründen gehören eine größere Ich-Bezogenheit vieler Menschen und Ängste um die soziale Sicherheit sowie eine geringere Bereitschaft, sich an die Polizei zu wenden."
Als krasses Beispiel schilderte Robineck einen Fall, bei dem eine Frau in einem Hof von einem Mann vergewaltigt wurde und um Hilfe schrie. "Niemand schritt ein, und ein Mann brüllte sogar noch aus dem Fenster ,Ruhe da unten!‘" Möglicherweise hätten andere Leute helfen wollen, aber aus Angst um ihre persönliche Sicherheit nichts getan, äußerte Robineck und riet: "Wenn der Angreifer der Stärkere ist, sollte man nicht persönlich einschreiten." Zivilcourage bedeute dann aber auch, mit dem Telefon oder Handy die Polizei zu verständigen oder den Notarzt zu rufen, falls das Opfer verletzt ist.
Ermittler erleben relativ häufig, dass sie bei der Aufklärung von Straftaten nicht weiterkommen, weil sich Zeugen nicht melden. "Als Folge wird dann der Straftäter seiner Verfolgung und gerechten Bestrafung entzogen", stellt Robineck nüchtern fest.
Uwe Horbaschk, Pressestelle der Polizeidirektion Oberlausitz-Niederschlesien berichtet von einem Fall im vergangenen Herbst in Niesky. Dort sei ein Mann auf dem Heimweg aus einer Kneipe niedergeschlagen worden und einen Tag später im Krankenhaus gestorben. „Obwohl einige Befragte signalisiert haben, etwas gesehen zu haben, hat niemand einen Hinweis gegeben.“ Die Menschen befürchteten Rache oder Unanehmlichkeiten wie Gerichtsvorladungen. In Görlitz seien im Januar viele Menschen an zwei am Boden liegenden Betrunkenen vorbeigelaufen. „Die Tendenz, dass die Zivilcourage abnimmt, ist bundesweit zu spüren“ , sagt Horbaschk. Im ländlichen Raum achteten die Menschen aber mehr auf andere. Anders in Städten, etwa Hoyerswerda und Weißwasser: Gründe dafür seien hier die Anonymität und soziale Brennpunkte.
(Eig. Ber./fm/dpa)