Der Medizinnobelpreis geht in diesem Jahr an drei Immunforscher, von denen einer wenige Tage vor Bekanntgabe der Entscheidung am Montagvormittag verstorben ist. Die Nobel-Stiftung bestätigte am gestrigen Abend die ungewöhnliche posthume Ehrung für den Kanadier Ralph Steinman: Das Preiskomitee habe vom Tod Steinmans am 30. September erst nach seiner Pressekonferenz erfahren. "Die Nobelpreis-Entscheidung für Ralph Steinman erfolgte nach bestem Wissen auf der Annahme, dass er lebt." Mit Steinman werden sich der Amerikaner Bruce Beutler und der Franzose Jules Hoffmann den mit zehn Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotierten Preis teilen.

Ein einmaliger Vorfall

"Ich denke, man kann mit Sicherheit sagen, dass so etwas noch nie vorgekommen ist", sagte die Sprecherin der Nobelstiftung Annika Pontikis über die Vergabe des Preises an einen verstorbenen Forscher. Der Sekretär des Nobelpreiskomitees für Medizin, Göran Hansson, erklärte, das Komitee überprüfe noch einmal die Regeln für einen solchen Fall.

"Das ist eine unglaublich traurige Nachricht", sagte Hansson. "Wir können nur bedauern, dass er nicht mehr die Möglichkeit hatte die Nachricht zu bekommen, dass er den Nobelpreis erhalten hat." Steinman starb am 30. September im Alter von 68 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Er bekam den diesjährigen Medizin-Nobelpreis gemeinsam mit zwei weiteren Forschern zuerkannt, die ebenso maßgeblich zum heutigen Verständnis der Funktionsweise der menschlichen Immunabwehr beigetragen haben.

Ihre Arbeit habe die Entwicklung besserer Impfstoffe bei Infektionen und Fortschritte im Kampf gegen den Krebs ermöglicht, hieß es in der Begründung des Nobelpreiskomitees.

Durch die Forschungen der drei Wissenschaftler sei das Rätsel gelüftet worden, wie die beiden Mechanismen der menschlichen Immunabwehr - die angeborene und die spezifische Immunabwehr - aktiviert werden und miteinander kommunizieren, hieß es weiter.

Die erste Verteidigungslinie - die angeborene Immunabwehr - kann eindringende Mikroorganismen zerstören und Entzündungen auslösen, die die Abwehr der Viren unterstützen.

Teile der Mikroorganismen binden sich dabei an sogenannte Toll-ähnliche Rezeptoren (TLR). Das aktiviert - wie von Beutler und Hoffmann entdeckt - die angeborene Immunabwehr und führt zu der Abwehrreaktion des Immunsystems. Wenn Mikroorganismen diese Verteidigungslinie dennoch durchbrechen, wird die spezifische Immunabwehr eingesetzt. Mit ihren T- und B-Zellen (Lymphozyten) produziert sie Antikörper und Killerzellen, die infizierte Zellen zerstören. Die T-Lymphozyten werden durch die von Steinman 1973 entdeckte dendritische Zelle aktiviert.

Während seiner Krankheit habe sich Steinman auch mit einer Immuntherapie behandeln lassen, die auf seiner Entdeckung beruhte, teilte die Rockefeller University in New York, mit. Dort hatte Steinman zuletzt das Zentrum für Immunologie und Immunkrankheiten geleitet. Der 53-jährige Beutler ist Professor für Genetik und Immunologie am Scripps-Forschungsinstitut in Kalifornien. Hoffmann, 70, war bis 2009 Leiter eines Forschungslabors in Straßburg. Hoffmanns Entdeckung erfolgte im Jahr 1996, als er Infektionen bei Fruchtfliegen untersuchte. Zwei Jahre später zeigten Beutlers Forschungen an Mäusen, das auch Säugetiere ihre Immunabwehr ähnlich aktivieren.

Hoffmann zeigte sich nach der Bekanntgabe des Preises überrascht und betonte die Hilfe durch seine Kollegen. "Ich bin sehr bewegt. Ich denke an all die Menschen, die mit mir gearbeitet und alles gegeben haben", sagte er bei einem Telefonat aus Shanghai.

Im vergangenen Jahr war der britische Forscher Robert Edwards mit dem Medizin-Nobelpreis geehrt worden. Edwards entwickelte gemeinsam mit seinem 1988 verstorbenen Kollegen Patrick Steptoe die Befruchtung im Reagenzglas.

Weitere Auszeichnungen

Bis zum 7. Oktober werden auch die Preisträger für Physik, Chemie, Literatur und Frieden bekannt gegeben. Der Träger des erst später gestifteten Wirtschaftsnobelpreises wird am 10. Oktober bestimmt.

Zum Thema:

Stichwort Mit der Nobelpreis-Stiftung wollte der schwedische Forscher und Industrielle Alfred Nobel (1833-1896) einen Konflikt seines Lebens lösen: Der Dynamit-Erfinder konnte nicht verwinden, dass seine Entdeckung für den Krieg genutzt wurde. Als "Wiedergutmachung" vermachte er sein Vermögen einer Stiftung, aus deren Zinsen Preise für jene finanziert werden sollten, die "im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben".