Die Klage über die steigenden Lasten für die Beitragszahler durch teure, neue Arzneimittel kehrt jedes Jahr wieder. Auch bei der Vorstellung des jüngsten Arzneiverordnungs-Reports bemängelten die Herausgeber hohe Preise für patentgeschützte Mittel und rechneten Sparpotenziale von einigen Milliarden Euro vor. Ministerin Ulla Schmidt gibt sich angesichts des sich abzeichnenden Ausgabenrekords offensiv - schließlich schlagen sich Mehrausgaben direkt in einem höheren Einheitssatz für die Krankenkassen ab 2009 nieder. Die Bundesregierung muss den Satz in den kommenden Wochen festlegen.

Bei den Arzneien könnten bis zu 5,6 Milliarden Euro gespart werden, sagt der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe. Stattdessen stiegen die Kassenausgaben für Arznei im vergangenen Jahr auf knapp 28 Milliarden Euro. In diesem und im nächsten Jahr gibt es erneut Kostenschübe zulasten der Beitragszahler.

Manche Kostenbremsen der vergangenen Jahre wirkten - etwa die Rabattverträge zwischen Herstellern und Kassen bei Generika. Der Apotheker darf dann betroffenen Versicherten in der Regel nur noch die günstigeren, rabattierten Varianten dieser Nachahmer-Mittel geben. Doch gegen den Kostentreiber neue Mittel hilft das wenig.

Höchstwerte im internationalen VergleichSo kosten Medikamente gegen Krebs, Multiple Sklerose oder Gelenkentzündungen bis zu 70 000 Euro pro Jahr und Patient. Der Report nennt Kosten von bis zu 3800 Euro am Tag für Mittel für eine Therapie bei angeborenen Stoffwechselkrankheiten - Höchstwerte auch im internationalen Vergleich, wie die Experten monieren. Seit rund drei Jahren schon nimmt der Bundesausschuss von Ärzten, Kliniken und Kassen Schritt für Schritt den Leistungskatalog der Kassen unter die Lupe und guckt, was sie weiter erstatten sollen und was nicht. Als Diabetiker künstliches Insulin nicht mehr auf Kassenkosten bekommen sollten, hagelte es Proteste.

Kritik an Vielzahl von LobbygruppenSchmidt gibt sich fordernd. "Die vielen Lobbygruppen machen es nicht einfacher, klare Regelungen auf den Weg zu bringen", klagt sie zwar. Doch nun sollten sich Ärzte, Kliniken und Krankenkassen endlich dazu durchringen, die seit der jüngsten Gesundheitsreform geltenden Regeln umzusetzen. So sollen künftig Mittel nur noch in dem Maß teurer sein dürfen, wie sie auch besser sind. Noch gibt es Tests und Streit um die Kriterien.

Doch eine neue Welle von Prüfungen und Beschränkungen gegen den Kostenanstieg rollt auf die Versicherten bei Arzneimitteln trotz solcher Neuerungen wohl nicht zu. Pharmakritiker zweifeln etwa daran, dass durch die Kosten-Nutzen-Bewertung künftig wirklich viel gespart werden kann. Sie beklagen etwa, dass es zu wenig unabhängige Studien über die Arzneimittel gebe.

"Wenn man wirklich einen Schritt nach vorne machen wollte, sollten Krankenkassen nach der Zulassung eines Präparats die Kosten dafür nur erstatten, wenn es wirklichen Zusatznutzen hat", sagt Peter T. Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das für die Nutzen-Bewertungen zuständig ist. Auch Schwabe betont: "In vielen Ländern wird erst die Erstattungsfähigkeit geprüft und dann gezahlt."

Ministerin Schmidt zeigt sich durchaus offen. Die Schweiz mache gute Erfahrungen mit einem ähnlichen Verfahren. Dort müssen Pharmahersteller Geld zurückzahlen, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass ihre Mittel zu teuer waren. Doch sie sagt auch, einen Gesetzesentwurf habe sei derzeit nicht in Planung.