„Ich hab irgendwann aufgehört mitzuzählen.“ Alexandra Schmidt (31) wirkt müde, abgespannt. Normalerweise ist der Verkauf eines Gehöftes keine Sache, die große Wellen schlägt. Doch als sie und ihr Mann Carsten (45) sich dazu entschlossen hatten, ihren Vierseithof in der Nähe von Bautzen über Ebay zu verkaufen, verfielen die beiden auf einen cleveren Trick: Warum, so fragten sie sich, sollen wir nicht ein ganzes Dorf zum Verkauf anbieten? Denn schließlich handelt es sich bei ihrem Hof um ein komplettes Dorf – um das Dorf Liebon in der Gemeinde Göda, Landkreis Bautzen.

Was sie mit ihrer Marketing idee auslösen würden, war Alexandra und Carsten Schmidt jedoch nicht bewusst. Seitdem das Kaufangebot unter dem Titel „Dorf zu verkaufen“ auf dem elektronischen Marktplatz erschien, steht das Telefon der beiden nicht mehr still. Interessenten bis aus Griechenland und den USA haben sich bereits gemeldet und werden an den beauftragten Immobilienmakler verwiesen, der ihnen das Exposé zuschickt.

Soeben klingelt wieder das Telefon. Der Anrufer gibt sich als Mitarbeiter eines Fernsehsenders zu erkennen, bittet um einen Termin für sein Kamerateam. Alexandra Schmidt nimmt einen großen Schluck aus der Kaffeetasse – und erfüllt den Wunsch mit ruhiger, freundlicher Stimme. „Wir halten uns fast nur noch durch den Kaffee am Leben“, sagt die Hofherrin und blickt aus kleinen, rot geränderten Augen: „Jeden Tag geben wir bis zu zehn Interviews, das geht von früh morgens bis zum späten Abend.“

Der geplante Verkauf des Vierseithofes, der den ganzen Rummel ausgelöst hat, entspringt nämlich keiner Laune, sondern bitterer Notwendigkeit. „Unsere ältere Tochter ist an Mukoviszidose erkrankt, was häufige Arztbesuche erforderlich macht“, erklärt Alexandra Schmidt. Dabei handelt es sich um eine Erkrankung, die zu einer Verschleimung der inneren Organe führt – bei Anke sind die Lunge und der Darm betroffen. Das Mädchen bedarf ständiger Fürsorge, besucht eine Körperbehindertenschule in Hoyerswerda. Jeden Tag wird sie um 6.30 Uhr abgeholt und kommt gegen 16 Uhr nach Hause. „Die Krankheit ist in eine Phase eingetreten, in der es auch passieren kann, dass wir schnelle ärztliche Hilfe benötigen“, erklärt Vater Carsten Schmidt. „Für diesen Fall sind wir hier einfach zu weit weg vom Schuss.“ Nach Bautzen sind es knapp zwölf Kilometer, nach Kamenz noch etwas mehr. Zudem bringe es der Tagesablauf mit sich, dass Anke kaum Freizeit habe: „Wir wollen deshalb näher an die Stadt heranziehen.“

Liebon – der Ort, der nur aus einem Gehöft besteht, war bereits zu DDR-Zeiten als kleinstes Dorf im damaligen Bezirk Dresden bekannt. Zeitweise bildete es sogar eine eigenständige politische Gemeinde mit eigenem Bürgermeister. Als die Schmidts im Oktober 1998 hier einzogen, war wenige Monate zuvor gerade die letzte Bewohnerin verstorben. Leicht fällt Alexandra, Carsten, Anke und ihrer jüngeren Schwester Jana der Abschied nicht. „Wir leben seit mehr als zehn Jahren in Liebon und haben hier jeden Stein, jeden Grashalm lieb gewonnen“, bekennt der Familienvater. „Als wir hier einzogen, standen die Brennnesseln fast einen Meter hoch“, erinnert sich Alexandra Schmidt.

Stück für Stück, wie es die finanziellen Möglichkeiten eben hergaben, machte es sich Familie Schmidt auf dem knapp 14 000 Quadratmeter großen Grundstück wohnlich. Raum für Raum sanierten sie das Innere der Gebäude, deckten die Dächer neu, richteten den acht Meter tiefen Brunnen wieder her. Erst im vergangenen Jahr baute Carsten, der einen Handel mit Konkurs- und Sonderpostenware sowie mit Ersatzteilen für DDR-Mopeds führt, für seine Töchter einen Holzspielplatz in Form einer Burg – eine Hommage an seine weithin bekannte Leidenschaft für Ritter- und Mittelaltermärkte.

„Wir wünschen uns, dass diejenigen, die nach uns hier einziehen, ebenso viel Freude am Leben mitten in der Natur haben wie wir“, betonen Alexandra und Carsten Schmidt. Sie selbst haben sich stets bemüht, Liebon so originalgetreu wie möglich zu erhalten, und hoffen, dass dies auch ihre Nachfolger so halten mögen. Vor allem aber hoffen sie, möglichst bald wieder ein Leben in Ruhe und fernab vom Medieninteresse führen zu können. „Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben uns förmlich überrollt, lange halten wir das nicht mehr durch“, bekennen die Eheleute. Und die Anrufe zählen sie schon längst nicht mehr . . .

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