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| 01:06 Uhr

Mautstart ohne echten Härtetest

Die junge Polin Agnieszka von Toll Collect hilft am Grenzübergang Forst-Groß Bademeusel beim Einbuchen an der Maut-Station.
Die junge Polin Agnieszka von Toll Collect hilft am Grenzübergang Forst-Groß Bademeusel beim Einbuchen an der Maut-Station. FOTO: Foto: Kundisch
Kurz vor Kolkwitz staut sich plötzlich der Verkehr auf der Bundesstraße 115. Ursache sind aber nicht wie befürchtet Lastkraftwagen, die die parallel verlaufende Autobahn 15 und damit die Mautgebühren meiden. Ein Bus Richtung Vetschau macht Stopp an einer Haltestelle. Von Wolfgang Swat und Eva-Maria Becker

Kurze Zeit später rollt der Verkehr wieder.

Wenige Trucks unterwegs
Am ersten Montag des neuen Jahres herrscht auf der ansonsten dicht befahrenen Strecke ruhiger Verkehr. Nicht anders ist es auf der A 15 ab Auffahrt Vetschau. Nur ganz wenige Trucks sind unterwegs. Kein Wunder, dass am Maut-Terminal in einer Ecke der Tankstelle auf dem Rasthof Berstetal kaum Betrieb ist. In der Frühschicht zwischen fünf und 13 Uhr hatten lediglich fünf Fahrer ihre Mautgebühren gebucht, berichten Isabella Castro (23) und Sascha Laue (27). Die beiden jungen Leute vom Beraterteam von Toll Collect haben für den Nachmittag Platz am Terminal genommen, um beim richtigen Buchen der Streckengebühr zu helfen. Beim Fahrer einer Spedition aus Lübben klappt alles problemlos. Die Abfahrt Rostock-Ost ist auf dem Bildschirm schnell gefunden und angeklickt. Achszahl und Schadstoffklasse werden berechnet, am Ende sind von der Benutzerkarte 39,32 Euro für die 350 Kilometer hoch an die Ostsee berechnet. Stutzig wird der Fahrer, als er auf die ausgedruckten Zeiten schaut. Spätestens in 13 Stunden muss er am Ziel sein, ansonsten wird eine Zusatzgebühr fällig. „Normalerweise ist das kein Problem“ , sagt der Mann. Kommen aber Ruhezeiten oder gar Staus dazu, könne es bei längeren Fahrten durchaus einmal knapp werden, ist der Lkw-Lenker aus Lübben skeptisch.
Gemächlich beginnt der Transitverkehr im neuen Jahr auch am Autobahngrenzübergang Forst. Am frühen Nachmittag stehen acht Lkw-Fahrer vor den Buchungsautomaten, vier Toll-Collect-Beauftragte unterstützen sie. Eine Schwierigkeit taucht auf, die bei der Programmierung der Terminals nicht beachtet wurde. Auf den Displays erscheinen nämlich nur die Namen der Autobahn-Ausfahrten, nicht jedoch die Nummern. Doch genau die sind in der Regel auf den Routenplänen der ausländischen Fahrer vermerkt.
An der Esso-Tankstelle in Forst stehen der Lette Anatoli Stuks aus Riga und Tankwart Thomas Gerntke vor einem Problem: Stuks spricht nur russisch, und diese Sprache ist nicht programmiert. Einen Berater gibt es nicht. Toll Collect hat nur eine Telefonstandleitung für Notfälle geschaltet, doch auch der Helfer am anderen Ende versteht kein Russisch. Und zu allem Unglück wird am Ende der dann doch noch bewältigten Prozedur die Fahrzeugkarte des Fahrers nicht akzeptiert. Er muss die Maut in bar bezahlen.
Das alles sind am Tag drei der Mauteinführung noch keine Hindernisse, die Staus produzieren. „Auf unseren Straßen und Autobahnen war wenig los“ , hat Polizeisprecher Peter Boenki vom Schutzbereich Oberspreewald-Lausitz registriert. „Viele Firmen haben wohl zwischen Weihnachten und Neujahr vorgearbeitet und beginnen erst jetzt wieder, Waren zu ordern“ , glaubt Boenki und sieht den Härtetest für die Maut erst noch kommen. Dann werde sich auch zeigen, ob Speditionen mit ihren Fahrzeugen auf Bundesstraßen ausweichen, so Boenki. Hinzu kommt, dass in der russisch-orthodoxen Kirche das Neujahrsfest erst am 7. Januar gefeiert wird. Danach nehme der Transitverkehr erfahrungsgemäß zu, sagt ein BGS-Beamter aus Guben.
Michael Lohse, Chef des Sächsischen Verkehrsgewerbes, traut dem Frieden nicht. Er will die Qualität der Beratung sogar bei nächtlichen Inspektionen ergründen. „Ich will wissen, ob die Terminals wirklich rund um die Uhr besetzt sind“ , sagt der Verbandschef.

Warnung vor Preistreiberei
Mit Blick auf die Maut-Koste n warnt der Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels (BAG) vor Preistreiberei unter dem Deckmantel der Autobahngebühr. Die dürfe „nur in der tatsächlich gezahlten Höhe über den Handel an die Endverbraucher durchgereicht werden“ , so ein BAG-Sprecher. Der Autoklub ACE hat schon einmal gerechnet. Danach dürften Preise höchstens um 0,15 Prozent steigen. Das wären für ein Kilogramm Bananen 1,2 Cent mehr oder bei einem Becher Joghurt 0,4 Cent .