"Wissen Sie, in diesem Verfahren wundert mich seit längerem nichts mehr", sagt Nemetz, der jetzt auf Maulwurfsuche gehen muss. Wieder einmal sorgt ein rätselhafter Vorfall um Pfahls, den früheren Inlands-Geheimdienstchef, für Aufsehen.
Bei der zehnstündigen Vernehmung von Pfahls waren nur zwei Staatsanwälte, ein Verteidiger, ein Steuerberater der Verteidigung und eine Schreibkraft anwesend. Pfahls erhielt danach kein Protokoll. Die Niederschrift ging nur an das zuständige Landgericht und offensichtlich an den Richter, der das Revisionsverfahren gegen die beiden wegen Steuerhinterziehung aus Schreiber-Zahlungen verurteilten Thyssen-Manager vorbereitet.
Wer könnte Interesse an der Veröffentlichung haben, rätseln Gericht, Verteidigung und Staatsanwaltschaft, die alle beteuern, eisern geschwiegen zu haben. Pfahls-Verteidiger Volker Hoffmann: "Wir gewiss nicht, denn uns ist der Neuigkeitseffekt für die Hauptverhandlung genommen." Das Gericht und die Staatsanwaltschaft fallen als Maulwürfe aus. Nemetz mit seinen Kollegen und Richter Maximilian Hofmeister und dessen zwei Nebenrichter scheinen über jeden Verdacht erhaben. Dann müsste das Protokoll auf dem Aktenweg abgefischt worden sein oder über Akten-Einsichtnahme den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben.
Ob Nemetz fündig werden wird, ist zweifelhaft. Die Umstände erinnern an andere Pannen. So war ein beschlagnahmtes Pfahls-Dokument, in dem Einzelheiten über das Schmiergeld-System des nach Kanada geflüchteten Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber standen, auf dem Weg von Paris nach Augsburg offen in Frankfurt am Main gefunden worden. Die Umstände sind bis heute ungeklärt. Auch der Justizfall Pfahls hatte mit einer Panne begonnen: Pfahls soll 1999 von einem bevorstehenden Haftbefehl gewarnt worden sein und war untergetaucht. Erst fünf Jahre später konnte er dann 2004 in Paris geschnappt werden, angeblich kurz bevor er sich selbst stellen wollte.
Und immer wieder taucht neben dem Schmiergeldverteiler Schreiber der Lobbyist und Geschäftsmann Dieter Holzer auf, ein Vertrauter Pfahls und früherer Kontaktmann des Bundesnachrichtendienstes. Holzer will zu Pfahls während dessen Flucht nach eigenen Angaben Kontakt gehabt haben. Er soll den flüchtigen Pfahls mit großen Summen finanziert haben.
Holzer wollte auch nach Angaben von Pfahls-Anwalt Hoffmann einfädeln, dass sich der ehemalige CSU-Politiker und Ziehsohn von Franz Josef Strauß freiwillig stellt. Die überraschende Festnahme durch die Zielfahnder soll dazwischen gekommen sein. Holzer muss im Pfahls-Prozess als Zeuge erscheinen. Dann kann er sich nicht mehr auf eine Aussageverweigerung wie im Strauß-Prozess zurückziehen, sondern wird Fragen beantworten müssen. Vielleicht gibt es dann die nächste Überraschung. Hinter den Kulissen hat inzwischen ein juristisches Pokerspiel im Strafverfahren gegen den Ex-Rüstungsstaatssekretär Ludwig-Holger Pfahls begonnen. Rund sechs Wochen vor dem offiziellen Prozessbeginn wird am möglichen Strafrahmen gefeilt. Das Augsburger Gericht will den Prozess möglichst zügig ohne langwierige Beweisaufnahme über die Runden bringen. Die Verteidigung will erreichen, dass Pfahls möglichst glimpflich davon kommt. Die Chancen dazu stehen nach Einschätzung juristischer Kreise nicht schlecht.
Pfahls hat sein Schweigen bereits gebrochen. Zehn Stunden machte er Angaben zur Sache. Nach Presseangaben räumte er dabei ein, von dem Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber Geld über ein Schweizer Nummernkonto erhalten zu haben. Sollte dies zutreffen, wäre das für die Ermittler ein Durchbruch bei der Durchleuchtung des weit verzweigten Schreiber-Schmiergeldkomplexes. Erstmals wären damit Zahlungen von Schreiber bestätigt worden.
Die Verteidigungsstrategie für Pfahls scheint so zu sein, dass der Beschuldigte einen direkten Geldfluss für "Lobbytätigkeiten" einräumt, den Vorwurf der Bestechlichkeit aber zurückweist. Wäre Pfahls tatsächlich bestochen worden, so sei dieses Delikt von 1991 verjährt, argumentiert sein Mainzer Verteidiger Volker Hoff man, der viele Jahre Staatsanwalt in Koblenz war. Diese Verjährung ist ein heikler, juristischer Punkt. Auch das Augsburger Gericht räumt ein, dass es in diesem Fall keine eindeutige Rechtsauffassung gebe. Die Verjährung der Bestechlichkeit wird in der Hauptverhandlung eine große Rolle spielen. Dabei hat der frühere Verfassungsschutzpräsident aber ein Problem: Er muss irgendwie begründen, warum er sich fünf Jahre lang der Zielfahndung des Bundeskriminalamtes entzogen hat. Es ist wenig glaubhaft, die aufwändige Flucht rund um den Erdball sei nur wegen der Steuerhinterziehung erfolgt.
Wenn es zutrifft, dass Pfahls von dem für ihn bestimmten Schreiber-Konto "Holgart" gewusst hat, kann das Auswirkungen auf das Revisionsverfahren von Max Strauß haben. Denn der hatte behauptet, als enger Vertrauter von Schreiber nie von einem Nummernkonto "Maxwell" für sich gewusst zu haben. Dies hatte ihm das Gericht nicht geglaubt und den Politiker-Sohn wegen Steuerhinterziehung über das Treuhandverhältnis zu Schreiber zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Nun wird es im Pfahls-Prozess spannend sein zu erfahren, wie und wann Pfahls von dem Schweizer Konto von Schreiber informiert wurde und wie die Gelder flossen. Das könnte für Strauß noch brisant werden, denn sein Urteil ist noch nicht rechtskräftig.