Die Kritik an der vorige Woche von einer Gruppe um Professor Christian von Hirschhausen vom DIW vorgelegten Untersuchung zur betriebswirtschaftlichen Perspektive der Braunkohleverstromung in Deutschland fiel drastisch aus. Der Bundesverband Braunkohle (Debriv) erklärte am Freitag, die in dem DIW-Papier formulierten Aussagen seien auf "zweifelhafter Grundlage formuliert" worden und könnten deshalb nicht ernst genommen werden. Die darin erteilten betriebswirtschaftlichen Ratschläge seien "nicht nachvollziehbar und gingen an der Realität vorbei".

Hirschhausen hatte der Braunkohle im Rheinischen, wie auch im Mitteldeutschen und Lausitzer Revier das Totenglöckchen geläutet. Die Bedeutung der Braunkohleverstromung nehme ab. Weder neue Kraftwerke noch neue Tagebaue seien nötig. Die bereits genehmigten Gruben reichten aus, um alle Braunkohlekraftwerke bis an ihr Lebensende zu versorgen, so zentrale Aussagen des DIW-Papiers.

Die Lausitz mit den Tagebauen und Kraftwerken des Energiekonzerns Vattenfall wäre von dieser Zukunftsprognose sehr stark betroffen. Mit dem Vorranggebiet Nochten in Sachsen, dem Teilfeld II von Welzow-Süd und Jänsch-walde-Nord in Brandenburg befinden sich zurzeit in der Lausitz drei neue Kohlefelder in laufenden Genehmigungsverfahren. Alle drei Gruben wären mit Umsiedlungen verbunden.

In Jänschwalde steht außerdem in den nächsten Jahren die Entscheidung über einen Ersatzbau des dortigen Kraftwerks an.

Die DIW-Studie kommt jedoch zu dem Schluss, dass sich der Bau neuer Braunkohlekraftwerke betriebswirtschaftlich nicht mehr lohne. Den immer wieder bekräftigten Absichten des Konzerns, nach 2020 in Jänschwalde ein neues Kraftwerk mit Kohlendioxidabscheidung (CCS-Technik) zu bauen, misstraut Hirschhausen: "Ich glaube nicht, dass Vattenfall dort bauen wird, dafür gibt es klare Indizien."

Der Ausbau der erneuerbaren Energie und damit verbundene sinkende Laufzeiten für Kohlekraftwerke sowie steigende Preise für Kohlendioxid-Zertifikate würden Braunkohlestrom immer unwirtschaftlicher machen, so Hirschhausen. Der Bundesverband Braunkohle hält ihm jedoch vor, bei seinen Berechnungen mit unseriösen Ausgangsannahmen gearbeitet zu haben.

"Damit kann man steuern, dass genau das Ergebnis erzielt wird, das herauskommen soll", so Debriv-Sprecher Uwe Maaßen. Das sei bei der DIW-Studie von Hirschhausen der Fall. Investitionskosten für neue Kraftwerke und Zertifikatpreise für Kohlendioxid seien sehr hoch angesetzt, der Wirkungsgrad neuer Kraftwerke und der Strompreis dagegen zu niedrig kalkuliert worden: "Der Strompreis wird aber mit Sicherheit steigen."

Hirschhausen hält dagegen. "Wir gehen davon aus, dass der Großhandelspreis für Strom fällt", sagt er. Bei den Investitionskosten habe sich die Studie am Neubau in Boxberg orientiert, die Zertifikatpreise seien offizielle Zahlen.

Fragen werfen jedoch Zahlen der Studie auf, die belegen sollen, dass neue Tagebaue in der Lausitz nicht mehr notwendig sind. Danach sollen 2045 in den jetzt bereits genehmigten Gruben Welzow-Süd und Nochten noch 20 beziehungsweise 40 Millionen Tonnen Rohbraunkohle übrig sein, in Reichwalde in der sächsischen Oberlausitz sogar 200 Millionen Tonnen.

Das Kraftwerk Schwarze Pumpe mit einer Lebensdauer bis 2040 wird überwiegend aus Welzow-Süd mit Kohle versorgt. Dieser Tagebau endet jedoch um 2025. Zur selben Zeit wird auch im Tagebau Jänschwalde, der das gleichnamige Kraftwerk beliefert, die genehmigte Tagebaugrenze erreicht sein.

Für Jänschwalde ist dann nach dem laufenden Planverfahren ein neues Teilfeld II nur beim Bau eines Ersatzkraftwerkes notwendig. Das Kraftwerk in Schwarze Pumpe dagegen hat zu diesem Zeitpunkt noch etwa 15 Jahre Laufzeit vor sich, womit Vattenfall das beantragte Teilfeld II für Welzow-Süd begründet.

Hirschhausen geht von einem anderen Szenario aus: "Der Kohleabbau und die Verstromung werden mit dem Ausbau der erneuerbaren Energie zurückgehen, die Vorräte damit länger reichen." Außerdem könnte Kohle dann für Schwarze Pumpe aus den sächsischen Tagebauen Reichwalde und Nochten zugeliefert werden.

Beim Energiekonzern Vattenfall ruft das Kopfschütteln hervor. "Das DIW geht willkürlich von einer deutlich sinkenden Auslastung der Braunkohlekraftwerke bis 2030 um etwa die Hälfte der Betriebsstunden aus", sagt Vattenfall-Sprecher Thoralf Schirmer. In der Lausitz werde jedoch trotz Energiewende in diesem Jahr so viel Kohle gefördert und Braunkohlestrom erzeugt wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Der Braunkohleverband Debriv geht ebenfalls davon aus, dass der Anteil der Braunkohle an der Stromversorgung in den nächsten 20 Jahren auf dem derzeit hohen Niveau bleibt und auch danach nicht schlagartig zurückgeht. In der Bruttostromerzeugung in Deutschland hat Braunkohle seit 1995 einen stabilen Anteil von etwa 25 Prozent.

Im selben Zeitraum halbierte sich der Anteil der Kernenergie von fast 30 auf nur noch 18 Prozent im Jahr 2011. Diese Strommenge muss in den kommenden zehn Jahren durch den beschlossenen Atomausstieg erstmal ersetzt werden, wenn der Verbrauch an Elektroenergie nicht drastisch zurückgeht. Damit rechnet bisher jedoch niemand.

Anders als die DIW-Studie kam auch eine im August veröffentlichte Untersuchung der Deutschen Energie Agentur GmbH (Dena) zu der Einschätzung, dass auch 2050 noch Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen eine wesentliche Rolle spielen werden. Damit sei auch das Ende des Braunkohlenstromes noch nicht in Sicht. Gerade weil die fluktuierenden erneuerbaren Energien stark ausgebaut würden, sei das deutsche Stromsystem noch in beträchtlichem Umfang auf konventionelle Anlagen angewiesen. Diese müssten allerdings flexibel sein, um die notwendige Regelleistung für die Stabilität des Stromnetzes zu liefern.

Wie schwierig die praktische Integration des unregelmäßig erzeugten Wind- und Solarstroms in die Übertragungsnetze ist, zeigten vorige Woche veröffentlichte Zahlen. Danach konnten 2011 mehr als 400 Gigawattstunden Windstrom wegen drohender Netzüberlastung nicht abgenommen werden. Damit hätten mehr als 100 000 Haushalte ein Jahr lang versorgt werden können.

Zum Thema:
Die aktuelle Studie zur Zukunft der Braunkohleverstromung baut auf vorherigen Untersuchungen von Professor Christian von Hirschhausen auf. Schon im September 2010 hatte er eine Studie vorgelegt, die den Umwelt-Nutzen der CCS-Technik (Kohlendioxidabtrennung und unterirdische Lagerung) in Zweifel zog. Im Februar 2012 legte er eine Untersuchung vor, in der er diese Technik als endgültig gescheitert bezeichnete. Von Hirschhausen war Gast einer Podiumsdiskussion von Braunkohlegegnern im Oktober in Atterwasch (Spree-Neiße).