Rund 1000 Quadratmeter weit schwingt "The Magic Carpet" aus, wenn die Bauarbeiten am Flughafen Berlin Brandenburg (BER) demnächst beendet sind. Trotzdem macht es nicht den Eindruck, als würde ein Monstrum über den Check-in-Schaltern hängen. Die kalifornische Künstlerin Pae White lässt ihre Skulptur aus hauchdünnen Aluminiumblechteilen fertigen. Sie bilden ein mehr als zwölf Kilometer langes, zu Ornamenten verflochtenes Gewebe.

Seitlich betrachtet wirkt es kompakt-rot, von unten dagegen durchsichtig-luftig. Eine abstrakte Umsetzung des Motivs vom Flugteppich, der im orientalischen Mythos Reisende an jeden gewünschten Ort bringt.

"Gadget" ist eine riesige Perlenkette des Berliners Olaf Nicolai, die sich in mehreren Windungen um die größte Fluggastbrücke des Hauptstadt-Airport windet. Hier sollen das größte Zivilflugzeug der Welt, der Airbus A 380, aber auch kleinere Jets andocken. Die elektronisch gesteuerten Perlen leuchten weiß auf, ihre Lichtfrequenz signalisiert die Aktivitätsstadien an der Brücke: vom Nullzustand ohne Flugzeug bis zum "take off".

Regelmäßige Besucher des Kunstmuseums Dieselkraftwerk (dkw) in Cottbus kennen übrigens Nicolais dort befindliche Arbeit "Sechs ReKonstruktionen": Sie stellt abgebaggerte Orte als Miniaturen in Schneekugeln aus Plastik dar.

Insgesamt sechs Kunst-am-Bau-Projekte gibt es am BER. Sie stammen von sechs internationalen Künstlern; die meisten von ihnen sind in Berlin tätig. Die Auswahl hat eine Jury übernommen, zu der unter anderem die damalige Direktorin des dkw in Cottbus, Perdita von Kraft, der Direktor der Berliner Nationalgalerie, Udo Kittelmann, sowie die Berliner Künstlerin Katharina Grosse gehörten. Nach Angaben des Projektentwicklers Realace GmbH stehen für die sechs Kunstwerke zwei Millionen Euro zur Verfügung.

Das verbindende Thema dieser Arbeiten ist der Übergang vom Land in die Luft: Auf dem Weg von der Sicherheitskontrolle zur Shopping Mall durchqueren die Reisenden die "Open Sky Box" des Japaners Takehito Koganezawa. Es handelt sich um eine raumhohe Lichtbox, die blau oder weiß erstrahlt - ein Vorschein der Aussicht aus dem Jetfenster über den Wolken.

Die drei übrigen Werke sind eher unauffällig: An zwei Glaspavillons, die vom unterirdischen BER-Bahnhof zum Flughafeneingang führen, hat der Kalifornier Matt Mullican unbetitelte Zeichnungen an die Wände sandstrahlen lassen. Sie zeigen Planetenmodelle und brandenburgische Pflanzen- und Tierwelt.

Die Arbeit "Sterntalerhimmel" der Künstlergemeinschaft Stoebo besteht aus rund 5000 internationalen Münzen, die im Ankunftsterminal als Sternbildmuster verstreut in den Fußboden eingelassen sind: Kostproben des kulturellen Reichtums, den Flugreisende in aller Welt einsammeln können.

Das sechste Werk "Gate X" stammt vom deutsch-norwegischen Filmkünstler Björn Melhus. Es entführt ins Leben der "Normfamilie" aus den Flugzeugsicherheitsvideos. Per Internet-Handy kann der Betrachter an verschiedenen Orten im Flughafen QR-Codes anklicken und so in den Alltag der virtuellen Airportbewohner eintauchen, sich sogar gemeinsam mit ihnen fotografieren.

Was die BER-Kunst ausmacht, wird am besten deutlich, wenn man sich vor Augen führt, wie Kunst an Berliner Flughäfen früher mal aussah: nämlich heroisch-monumental. Am Flughafen Tempelhof, zur NS-Zeit erbaut, verkündete insbesondere eine gigantische Reichsadler skulptur auf sehr martialische Weise den erhofften Aufschwung der deutschen Luftfahrt. Am Flughafen Tegel, der ab den 1960er-Jahren für die zivile Luftfahrt ausgebaut wurde, ist der deutsche Flugpionier Otto Lilienthal als abgestürzter Ikarus darstellt. Die deutschen Welteroberungs-Flugträume sind inzwischen bruchgelandet, aber in dieser Bronzeskulptur aus den 1980er-Jahren als mythisch-heroisches Thema noch negativ präsent.

Bei der BER-Kunst gibt es dagegen nichts Heroisches oder Monumentales. Sie behandelt die Fliegerei nicht als gesellschaftliches oder nationales Großprojekt, sondern nimmt vor allem die Hoffnungen und Erfahrungen des einzelnen Reisenden in den Blick. Er wird als Betrachter persönlich angesprochen, wird zum Teil des Kunstwerks, etwa, wenn er sich nach den verstreuten Sterntalern bückt. Die Kunst im Flughafen BER hat ähnlich wie seine gläserne Architektur einen betont offenen, demokratischen, freundlichen, spielerischen Zug.

Was allerdings fehlt, ist eine Wahrnehmung der kritischen Aspekte der Vielfliegerei: Die globalisierte Tourismus- und Konsumindustrie bringt den Reisenden bekanntlich nicht nur ferne Regionen nahe, sondern zerstört zugleich allmählich deren kulturelle Unterschiede.

Diesen Widerspruch thematisiert die BER-Kunst ebenso wenig wie Umweltverschmutzung, Fluglärm, militärische Luftfahrt, Flugzeugabstürze und andere Übel. Sie ist nur harmlose Wellness-Kultur für den boomenden Berlin-Tourismus.