Allein in der Hauptstadt Berlin zogen zwischen 8000 und 10 000 Kapitalismuskritiker zum Kanzleramt. Auf Transparenten standen Slogans wie: „Wäre die Erde eine Bank, hättet ihr sie längst gerettet“ oder „Zeit für echte Demokratie, Wacht auf!“ Einige Hundert besetzten die Wiese vor dem Reichstagsgebäude. Die Sitzblockade wurde nachts aufgelöst.

In Frankfurt zogen mehr als 5000 Menschen vor die Europäische Zentralbank (EZB). Der Platz direkt neben dem Eingang soll nun „auf unbestimmte Zeit“ friedlich blockiert werden. Den Demonstranten wurde ein Theaterstück mit dem Titel „Europa – eine griechische Tragödie“ geboten. Kapitalismuskritiker versammelten sich auch in Köln, München, Hamburg und anderen großen Städten. Die Proteste folgen dem Vorbild der „Occupy Wall Street!“-Bewegung in den USA. Das Netzwerk Attac wertete den Aktionstag als Erfolg: „Der Funke ist übergesprungen, die Bewegung ist da.“ In mehr als 900 Städten in 82 Ländern hätten Teilnehmer „ihre Wut über die Macht der entfesselten Finanzmärkte auf die Straße getragen“, hieß es.

Aufruf zu neuen Protesten

Attac rief zugleich zu neuen Protesten für diesen Samstag auf. Anlass ist der EU-Gipfel in Brüssel am Tag darauf, bei dem ein neues Bankenrettungspaket geschnürt werden soll. „Erneut sollen die Verursacher der Krise enorme Summen erhalten, während die Kosten auf die Bevölkerung abgewälzt werden“, sagte Alexis Passadakis vom Attac-Koordinierungskreis.

Zu den Forderungen der Bewegung „Echte Demokratie jetzt!“, die sich als offenes Netzwerk versteht, gehören die Stärkung direkter Demokratie, die Zerschlagung großer Banken, die Austrocknung von Steueroasen und das Verbot spekulativer Finanzprodukte. Die „Profiteure der Krise“ müssen nach Auffassung der Demonstranten mit einer Finanztransaktionssteuer und höheren Abgaben auf Spitzeneinkommen belastet werden.

Schuhe als Form des Protests

In Köln zogen etwa 1500 Menschen durch die Innenstadt. Auf Transparenten forderten sie mehr soziale Gerechtigkeit. Auch in Hamburg gingen mehrere Tausend Menschen auf die Straße. In München kamen Hunderte Menschen friedlich zusammen. Sie führten Transparente wie „Jagt die Zocker vom Börsen-Hocker“ und „Zwingt die Banken in die Schranken“ mit. Einige streckten nach dem Vorbild arabischer Proteste Schuhe wurfbereit in die Höhe.

Die Proteste bekommen auch Unterstützung aus der Politik. Der Linken-Vorstand verabschiedete eine Resolution, in der die Aktionen als dringend geboten begrüßt werden. Linke-Chef Klaus Ernst forderte einen „radikalen Kurswechsel“ der Politik. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Joachim Poß, erklärte, der Protest müsse in praxistaugliche Konzepte umgesetzt werden. Der Präsident des Internationalen Gewerkschaftsbunds, DGB-Chef Michael Sommer, erklärte: „Jenseits jeglicher demokratischer Legitimation und ohne Verantwortung für die Allgemeinheit sind skrupellose Investmentbanken dabei, unsere Gesellschaften zu spalten und aus den Angeln zu heben.“ .

Zum Thema:

von Ausschreitungen überschattetWeltweit haben am Wochenende erstmals Hunderttausende Menschen in aller Welt gegen die Macht der Banken demonstriert. Überschattet wurde dies von teils schweren Ausschreitungen. In Rom wurden bei Zusammenstößen etwa 70 Menschen verletzt und zwölf Demonstranten festgenommen, in New York nahm die Polizei ebenfalls Dutzende Menschen in Gewahrsam. Die Anti-Banken-Bewegung, die ihre Wurzeln vor allem in Madrid und New York hat, mobilisierte am Samstag in weltweit mehr als 950 Städten ihre Anhänger. Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen vermummten Demonstranten und Polizisten wurden vor allem aus Rom gemeldet, wo bis zu 200 000 Demonstranten zusammengeströmt waren. Scheiben von Geschäften und Banken wurden eingeschlagen, Autos angezündet. Hunderte Demonstranten bewarfen Beamte mit Steinen und Flaschen. AFP/bl