Die Autos fahren dicht hintereinander. Es stinkt und ist laut. Ein tägliches Bild im Berufsverkehr in Krosno Odrzanskie (Woiwodschaft Lebus), nur knapp 80 Kilometer von Cottbus entfernt. Die Straße der Verteidiger von Stalingrad verbindet die beiden Seiten der Stadt und ist ein Teil der Landesstraße zwischen Slubice und Zielona Gora. Stadtratsmitglied Bartosz Zaborowicz zuckt resigniert die Schultern. "Solange die Straße nicht ausgebaut wird, bleibt es so."

Mit dem Ausbau müssen sie in Krosno Odrzanskie aber wohl noch lange warten, viel eher wird sich dafür der Straßenname ändern, sagt Zaborowicz. "Anstatt Straße der Verteidiger von Stalingrad, wird sie bald Slubicer Straße heißen."

Bartosz Zaborowicz ist sehr gut informiert. Der Vierzigjährige ist Vorsitzender der Straßennamen-Kommission im Krosnoer Rathaus. Solche Kommissionen sind vor Kurzem in allen polnischen Gemeinden entstanden. Ihre einzige Aufgabe - die Straßennamen auf den "kommunistischen Zusammenhang" zu überprüfen und neue Bezeichnungen für sie zu finden. Das sieht das Gesetz über die sogenannte Dekommunisierung vor, das im Sommer 2016 vom polnischen Parlament verabschiedet wurde.

Es gehe um die Abrechnung mit der Geschichte, die nach der Wende nicht stattgefunden habe, sagt Pawel Knap aus der Regionalstelle des Institutes für Nationalgedächtnis (IPN) in Stettin (Szczecin). "Dank des Gesetzes sollen nun endlich die Änderungen gleichzeitig in ganz Polen binnen kurzer Zeit vollzogen werden - unabhängig von der politischen Mehrheit in der jeweiligen Gemeinde, sodass das Thema endgültig abgeschlossen werden kann", erklärt er voller Überzeugung. Mehr als 1500 Straßen in ganz Polen müssen verändert werden. Krosno Odrzanskie ist stark betroffen. "Nach der Wende haben sich hier die lokalen Politiker mit der Wirtschaft beschäftigt, nicht mit den Straßennamen", sagt Bartosz Zaborowicz. Jetzt müssen sie es nachholen.

"Die Rote Armee, die kommunistische Untergrund-Volksarmee und ein Paar Generäle aus der Volksrepublik stehen neben den Verteidigern von Staliningrad auf der Liste", sagt Zaborowicz. Und die Marx-Straße.

Krosno an der Oder ist eine von nur zwei Städten in Polen, in denen noch eine Straße nach dem deutschen Philosophen heißt. Wohl nicht mehr lange, bedauert Stadtratsmitglied Zaborowicz, der studierter Historiker ist.

"Als Historiker wissen wir, dass Marx vor allem ein ausgezeichneter Philosoph war. Dass er von der kommunistischen Macht für Propagandazwecke genutzt wurde, ist kein Grund dafür, den Straßennamen zu verändern. Leider lässt uns der politische Druck keine Alternative." Denn wenn die Selbstverwaltung die Namen selbst nicht ändert, werde es vom Woiwodschaftsamt gemacht und die neuen Bezeichnungen der Stadt einfach aufgezwungen, erklärt Zaborowicz.

Weil eine klare Richtlinie fehle, komme es in vielen Gemeinden zu absurden Situationen. In Olsztyn zum Beispiel überlegen die Stadtpolitiker sogar, die Janusz-Korczak-Straßen umzubenennen. Korczak war ein polnischer Pädagoge jüdischer Abstammung, der mit den Kindern aus einem Kinderheim im Warschauer Ghetto umgebracht wurde.

Auch Jacek Kuron, ein Oppositioneller in den 70er- und 80er-Jahren sowie der erste Minister für Soziales nach der Wende, landete schon auf der roten Liste. In Stettin (Szczecin) droht sogar der Straße des 1. Mai und der Juri-Gagarin-Straße das Aus.

"So weit muss es aber nicht kommen", versichert Pawel Knap vom IPN. Doch es sei nicht einfach, zu entscheiden, fügt er hinzu. Bei einer Straße der Befreiung müsse überprüft werden, was für eine Befreiung gemeint ist. Wäre es die durch die Rote Armee, muss der Name geändert werden - denn der solle die neue Okkupation und die kommunistische Macht verewigen, erklärt Knap.

"Dasselbe gilt für alle Straßen mit Namen von Kämpfern oder Partisanen. Wir müssen zunächst in Stadtprotokollen überprüfen, nach welchen Partisanen sie genannt wurden." Kämen sie aus der kommunistischen Untergrundbewegung, erklärt er weiter, müsse der Name geändert werden.

Während einige Einwohner von Krosno die Änderungen begrüßen, sind viele auch genervt. Ewa, eine Rentnerin, wohnt in einer "neutralen", nicht von Umbenennung betroffenen Straße. Aber ihre Tochter wohnt auf der Partisanen-Straße. "Sie wollen diesen Namen auch ändern, habe ich gehört. So lange gab es diese Straße, warum soll man nun die Geschichte umdrehen?", sagt sie.

Michal hat sich ein Bekleidungsgeschäft aufgebaut. Pech für ihn, dass sein Laden in der unauffälligen, kleinen Marx-Straße steht. "Das bedeutet wieder Kosten. Die Dokumente müssen gewechselt werden, Visitenkarten, Stempel. Eine Menge Geld, das wir, die kleinen Geschäftsleute, bezahlen müssen", regt er sich auf. "Lassen wir doch lieber die ulica Marksa bleiben. Mich stört der Name nicht."

Pawel Knap aus dem IPN sieht das indes anders. "Es kann nicht sein, dass die kommunistischen Namen immer noch im öffentlichen Raum anwesend sind." Der Gesellschaft müsse klar sein, dass nur die Menschen, die sich wirklich um Polen verdient gemacht hätten, auf diese Art und Weise geehrt werden dürften.

Bartosz Zaborowicz dagegen schaut etwas traurig auf das Schild der Karl-Marx-Straße. "Schade, dass sie verschwindet - weil sie ein Teil der Geschichte ist." Man müsse nun nach Krosno kommen - solange es eine Karl-Marx-Straße in Polen überhaupt noch gibt.