Von Christine Keilholz

Mit 88,1 Prozent im Rücken kann Martin Dulig herzensfrisch in den Landtagswahlkampf 2019 ziehen. 111 der rund 140 Sozialdemokraten, die am Sonnabend auf dem Dresdner Flughafen zusammen saßen, wählten ihren Langzeit-Chef zum Spitzenkandidaten.

Der 43-jährige gelernte Erziehungswissenschaftler aus Moritzburg, Vater von sechs Kindern, Wirtschaftsminister und Posaunenspieler kämpft damit auf SPD-Seite für einen Fortbestand der schwarz-roten sächsischen Koalition. Das wird kein leichter Kampf.

Mit Martin Dulig an ihrer Spitze macht die sächsische SPD seit zehn Jahren einen frischen, freundlichen und wandelbaren Eindruck. Sie hat mit ihm aber auch nie einen fulminanten Wahlerfolg eingefahren. Mit den zehn bis 13 Prozent, die die Sozialdemokraten im mehrheitlich bürgerlichen Sachsen üblicherweise holen, können sie keine großen Sprünge machen. Aber in Zeiten wie diesen kann man das auch anders sehen: Immerhin bleibt die SPD im Unterschied zu allen anderen Parteien stabil. Der Koalitionspartner CDU, einst unangefochtene Regierungspartei, fällt in Umfragen auf unter 30 Prozent. Die Linke kommt in Sachsen, wo sie mal am stärksten war, nicht mehr über 20 Prozent. Dagegen hat die SPD die treueste Kundschaft.

Bis jetzt jedenfalls. Doch diese Landtagswahl am 1. September wird anders. Sie wird ein Duell zwischen der regierenden CDU und der neuen AfD um nichts weniger als die Herrschaft. Was da noch für die Sozialdemokraten übrig bleibt, ist ungewiss. Sie werden zulegen müssen, um den Fortbestand der schwarz-roten Koalition bei schwächelnder CDU zu sichern. Das macht Dulig seinen Genossen klar: „Ich will gewinnen, ich will, dass wir das dritte Mal in Folge zulegen, und ich will weiter regieren.“

Das Regieren seit 2014 hat der Partei durchaus gut getan. In der Krise, in die die CDU angesichts der Pegida-Demonstrationen und der aufsteigenden AfD geriet, konnte sich die SPD als der dynamischere Teil der Koalition präsentieren. Dulig als Vize fand Worte, während Regierungschef Stanislaw Tillich die Worte fehlten. Die SPD konnte sich auf Landesebene leichter für Offenheit und Willkommen, für Flüchtlingsaufnahme und Einwanderung aussprechen als die CDU, die darüber heftige interne Diskussionen führt. Die Sozialdemokraten seien seit jeher „Experten für Veränderungen“, sagt Dulig. Diesen Anspruch verkörpert er ganz gut – auch wenn die großen Erfolge als Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr ausblieben. In der Bundespartei ist sein Stern trotzdem nicht gestiegen. Dulig, einst als Jung-Star der SPD im Osten gehypt, figuriert zurzeit als Ost-Beauftragter der Partei.

Den Wahlkampf will Dulig mit bestreiten mit klassischen SPD-Themen: Mit der Forderung nach mehr Leistungsgerechtigkeit für Arbeitnehmer und nach mehr Tarifbindung. Die SPD müsse zudem „Schutzmacht derjenigen werden, die sich um Wohnen als ein Grundrecht kümmern“, sagt er.

Um zulegen zu können, änderte die Sachsen-SPD auf diesem Parteitag auch ihre Satzung. Künftig sollen auch Nicht-Mitglieder auf der SPD-Liste für den Landtag antreten können. Die Änderung ist zugeschnitten auf Frank Richter. Der ehemalige Chef der Landeszentrale für politische Bildung will für die SPD antreten, aber nicht eintreten. Er ist 2017 aus der CDU ausgetreten. Mit dieser Veränderung ihrer Statuten sind nicht alle Genossen glücklich.