Es war der 10. Mai vorigen Jahres, als es vor dem Glad House in Cottbus zu einer Schlägerei kam. „Das ging auf einmal los“, erklärt der geständige Angeklagte vor Gericht. Mit leiser Stimme und knappen Sätzen erzählt Pa ric B., wie er seinen Freund mit einer Platzwunde gesehen habe. Er habe ihn gefragt, wer das war. Der wusste es nicht, habe auf Enrico Wagner gezeigt. „Da bin ich hinterher“, so der junge Mann.

Laut Anklage hat der 20-Jährige sein Opfer anschließend mit einer Glasflasche auf die Stirn geschlagen, sodass er zu Boden ging, und ihm mindestens einmal gegen den Körper getreten. Die Folge: Enrico Wagner musste wegen eines komplizierten Splitterbruches im Gesicht operiert werden, wie der Boxer vor Gericht aussagt. Monatelang sei er krank geschrieben gewesen, habe starke Schmerztabletten nehmen müssen. Erst seit Oktober sei er wieder voll arbeitsfähig. „In dem Moment habe ich nichts gedacht“, sagt der Angeklagte zu der Tat und erklärt, dass auch zu viel Alkohol im Spiel gewesen sei. Fast murmelnd fügt er hinzu, dass er sich dafür entschuldigen wolle. Eine Entschuldigung, die weder Nebenkläger Enrico Wagner noch sein Anwalt Axel de Fries akzeptieren wollen. „Sie ist nicht überzeugend rübergekommen“, so der Anwalt vor Gericht. „Der Angeklagte hat keinerlei Reue nach der Tat gezeigt.“

Reue habe er jedoch gegenüber der Jugendgerichtshilfe geäußert, die dem Gericht empfahl, Jugendstrafrecht anzuwenden, da der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat „Reifedefizite“ gehabt habe. Auch Staatsanwaltschaft und Nebenklage forderten eine Jugendstrafe von neun Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt werden könnte. Niemand habe das Recht, jemanden mit einer Glasflasche zu schlagen, so die Anklagevertreterin. Dem Angeklagten ist möglicherweise bis heute nicht bewusst, dass er das Leben von Enrico Wagner zerstört haben könnte. Denn ob der fünffache Deutsche Meister im Leichtgewicht im Amateurboxen seine sportliche Karriere fortsetzen kann, wird erst ein Gutachten zeigen, das er diese Woche erwartet. „Ich rechne mit allem“, erklärt er.

Das Gericht folgte dem Antrag auf Jugendstrafrecht nicht. Reifedefizite sehe man bei dem Angeklagten nicht, so die Vorsitzende Richterin Christa Schwerdfeger in ihrer Begründung. Grundlos und kraftvoll habe der Angeklagte die Glasflasche auf den Kopf des Opfers geschlagen. „Es hat nur Sekunden gedauert, um das Leben von Herrn Wagner dramatisch zu verändern.“ Zugunsten des Angeklagten wertete das Gericht sein Geständnis sowie die Entschuldigung.

Für Enrico Wagner ist das Urteil dennoch nicht befriedigend, wie er der RUNDSCHAU sagt. „Ich bin dem Angeklagten später so oft begegnet. Ich hätte mir gewünscht, dass er persönlich an mich herangetreten wäre und sich entschuldigt hätte.“ Denn wie sein Leben ohne Boxen aussehe, darüber will der Cottbuser lieber nicht nachdenken. „Boxen ist mein Leben. Ich habe darauf hingearbeitet, einmal damit Geld zu verdienen. Dem Sport treu bleiben will er aber in jedem Fall. „Entweder ich mache meinen Trainerschein oder werde Kampfrichter.“ Denn ohne Sport, so Enrico Wagner, gehe es nicht.