Mehr als einmal hatte der Vorsitzende Richter im Laufe des Prozesses gegen Jenas Stadtjugendpfarrer Lothar König das Publikum zur Ordnung rufen müssen. Verächtliches Lachen über Ausführungen der Staatsanwaltschaft, Jubel für Äußerungen Königs - die Emotionen im Amtsgericht Dresden schlugen immer wieder hoch.

Als das Gericht jedoch am Dienstag die Aussetzung der Hauptverhandlung verkündete und damit das Platzen des Prozesses, blieben spontane Begeisterungsstürme aus. Zu überraschend war die spektakuläre Wende - trotz aller vorangegangenen Kritik am Verfahren. Seit Monaten schon hatte es Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft gegeben. Der engagierte Geistliche mit dem langen, grauen Bart hatte eine ganze Reihe auch prominenter Unterstützer für sich gewinnen können. Von Kirchenvertretern über den Musiker Sebastian Krumbiegel bis hin zu Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), der erst am Montag verkündet hatte: "Ich bin solidarisch mit Lothar König."

Mutiges Engagement gegen Rechtsextremismus sei für den Erhalt der Demokratie unentbehrlich, hatte der SPD-Politiker gesagt und betont: "Es geht um die Frage, ob hier ein Vorgang der Einschüchterung stattfindet oder ein Vorgang der Ermutigung."

Königs Anhänger wurden nicht müde, das Verfahren gegen ihn als einen "politischen Prozess" zu brandmarken. Die Strafverfolger hielten jedoch lange an ihren Vorwürfen fest. Sie warfen dem Theologen in dem seit Monaten dauernden Verfahren vor, während der Demonstrationen gegen einen Neonazi-Aufmarsch in Dresden am 19. Februar 2011 zu Gewalt gegen Polizisten aufgerufen zu haben. König bestreitet das. Und in der Tat sind nicht erst nach der Aussetzungsentscheidung viele kritische Fragen angebracht.

Regelmäßig neu auftauchendes Beweismaterial hatte immer wieder Zweifel daran genährt, ob die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zutreffend sind. Mehr als einmal gerieten Polizisten und Staatsanwältin in Rechtfertigungsnöte. Ein Beispiel aus dem Mai: Ein von der Verteidigung vorgelegtes Video bot eine ganz andere Perspektive einer Situation, in der König einem von der Polizei verfolgten jungen Steinewerfer bei einem Fluchtversuch geholfen haben soll. Auf einmal ging es gar nicht mehr um König, sondern um einen mutmaßlichen Fall von Polizeigewalt. Denn auf dem Video ist zu sehen, wie ein Beamter dem Steinewerfer ohne Vorwarnung mit einem Schlagstock in die Nähe des Kopfes schlägt.

Die Staatsanwaltschaft sah sich schließlich gezwungen, gegen den Polizisten ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Dass die Anklagevertreterin nun am Dienstag endgültig die Reißleine zog und dem Antrag der Verteidigung auf Aussetzung der Hauptverhandlung zustimmte, war mit Blick auf das bisherige Verfahren wohl nur die konsequente Weiterentwicklung einer Tendenz, die sich seit Langem abzeichnete. Trotzdem kam es überraschend, weil die Staatsanwaltschaft sich bis zuletzt von allen Wendungen zu ihren Ungunsten nicht hatte beirren lassen. Nachdem von der Polizei geschnittenes Videomaterial von dem fraglichen Tag, auf das sich die Anklage stützt, mit unbearbeiteten Filmsequenzen verglichen worden war, räumte nun sogar die Anklagevertreterin ein, dass die Szene König von einem der Tatvorwürfe entlaste. Es sei nicht auszuschließen, dass sich unter den 200 Stunden Rohaufnahmen weitere ähnliche Beweise finden.

Königs Verteidiger Johannes Eisenberg hatte den Polizisten, die an der Erstellung des Videomaterials beteiligt waren, schon vor Tagen vorgeworfen, eine "Fälscherwerkstatt" betrieben und Sequenzen manipulativ zusammengeschnitten zu haben.

Ob der Prozess nach Ablauf dieser Zeit überhaupt fortgesetzt wird, ist offen. Möglich ist, dass das Gericht das Verfahren nach Sichtung der kompletten Bild- und Tonaufnahmen einstellt. Oder die Beweisaufnahme muss noch einmal völlig von vorne beginnen. Königs zweite Anwältin, Lea Voigt, kündigte an, die Verteidigung werde die Einstellung des Verfahrens beantragen.