Mal macht er die autoritäre Krippenerziehung der früheren DDR für die massive Ausländerfeindlichkeit verantwortlich, dann wieder fragt er öffentlich, warum in Ostdeutschland dreimal so viele Kinder Opfer eines Totschlagdeliktes werden wie im Westen. Gestern versuchte er, seine oft missverstandenen Thesen in Cottbus zu verteidigen. Vor rund 300 Erziehern, Jugendrichtern und Sozialarbeitern in der BTU sprach er über „Kinder als Opfer von Misshandlungen, Vernachlässigung und Medienverwahrlosung“ .

Kleinkind-Tötungen im Blick
Zumindest eine gute Nachricht hatte er mitgebracht: Entgegen der öffentlichen Einschätzung, so belegte er mit neuesten Zahlen, „wird nicht alles immer schlimmer. Die Kriminalitätsrate im Land sinkt seit einigen Jahren kontinuierlich.“ Und auch was die Tötung von Kindern angeht, sinken die Zahlen. Für Ostdeutschland gilt sogar ein deutlicher Positivtrend: In den vergangenen fünf Jahren lag das Risiko eines unter sechsjährigen Kindes nur noch doppelt so hoch wie im Westen, fünf Jahre zuvor lag es noch dreimal so hoch. Christian Pfeiffer: „Die Erklärung für die Unterschiede scheinen in den aktuellen Belastungen junger Familien zu liegen. Arbeitslosigkeit, Isolation, Armut sind in der ehemaligen DDR drängendere Probleme.“ Um diese These exakt belegen zu können, erforscht Pfeiffer nun alle Tötungsdelikte an Kleinkindern der vergangenen zehn Jahre. „Rund 1000 Fälle, bei denen wir versuchen, die Biografien der Täter zu rekonstruieren, mögliches Versagen der Jugendämter, Höhe der Strafen.“ In 18 Monaten sollen die Ergebnisse der Studie vorliegen. Doch schon jetzt soll der Schutz kleiner Kinder verbessert werden. „Beispiele aus den USA und Finnland zeigen, wie enorm wirksam es ist, Mütter aus Hochrisikofamilien schon während der Schwangerschaft zu unterstützen.“ Jeder Dollar, der hier investiert wurde, sparte später vier Dollar „Reparaturkosten“ . Die Zahl der Drogendelikte und Gefängnisaufenthalte sank auf die Hälfte, ebenso reduzierten sich die Kosten für ärztliche und psychologische Behandlung. Christian Pfeiffer: „Mit Geldern der Regierung, der AOK und vieler Sponsoren wollen wir solche Unterstützung auch für Familien hier. Wir schulen Hebammen, Erzieherinnen, Lehrer und Kinderärzte, um den werdenden Müttern Freude auf ihr Kind zu geben. Erklären, wie schädlich Alkohol und Nikotin sind, wie wichtig das Stillen. Und was ein Kind nach der Geburt an Zuwendung, Liebe und Zärtlichkeit braucht.“
Wobei er gleich bei seinem zweiten Lieblingsthema angekommen ist: „Was tut eine junge Mutter ohne Geld, wenn sie mal weg will? Sie parkt ihr Baby vor dem Fernseher.“ In Ostdeutschland doppelt so häufig wie im Westen, im Norden öfter als im Süden. Zwischen Magdeburg und Rostock hat jeder zweite Abc-Schütze einen eigenen Fernseher - in München sind es nur 28 Prozent. Ähnlich sieht es bei Computern und Playstation aus. „Ein Armutsproblem“ , so Pfeiffer. Münchner Kinder gehen nachmittags in die Musikschule, zum Fußball oder zum Ballett. Dort, wo öffentliche Angebote fehlen und die Eltern nicht das Geld haben, teure Hobbys zu finanzieren, wird zum preiswertesten Freizeitvergnügen gegriffen. Und, so der Kriminologe, ein fataler Fehler begangen. Mit der Verfügbarkeit über den eigenen Fernseher oder die Spielekonsole steigt die Nutzungsdauer werktags von zweieinhalb auf dreieinhalb Stunden und an Wochenenden bis auf fünf Stunden. „Diese Kinder verbringen pro Jahr mehr Zeit vor dem Fernseher als im Schulunterricht.“ Der Wissenschaftler zieht eine direkte Linie vom Fernsehkonsum hin zu den schlechten Pisa-Ergebnissen. Zum Schrecken vieler konnte er belegen, dass selbst Jungen aus behüteten Elternhäusern in der Schule umso schlechter abschnitten, je häufiger sie vor dem Bildschirm sitzen - und je brutaler die konsumierten Filme und Spiele sind. „Neu ro bio logisch belegt: Das am Vormittag Gelernte wird nicht im Langzeitgedächtnis gespeichert, wenn es nachmittags von blutiger TV-Action überlagert und verdrängt wird.“

Jungs fallen deutlich zurück
Besorgnis erregend: Jungs sind weitaus stärker von Medienverwahrlosung betroffen als Mädchen. Sie sind schon als Sechsjährige technisch besser ausgestattet, verbringen mehr Zeit vor Gewalt-TV und PC. Was dazu führt, dass die Schulleistungen immer schlechter werden. So dominierten vor zehn Jahren bei den Schulabbrechern noch die Mädchen mit 52 zu 48. Im Jahr 2002 lagen dagegen die Jungen mit 64 zu 36 vorn. Im Osten ist das Verhältnis sogar 66 Jungen zu 33 Mädchen. Ähnlich das Bild bei Zeugnissen und Bildungsabschlüssen. Pfeiffer: „Wir müssen unseren Jungs wieder Lust auf das Leben machen. Am besten in einer Ganztagsschule.“

Biografie Experte für Jugendkriminalität
Christian Pfeiffer studierte von 1965 bis 1971 Rechtswissenschaften und Sozialpsychologie in München und London. Er promovierte 1984 mit dem Thema „Kriminalprävention im Jugendgerichtsverfahren“ . 1985 wurde er stellvertretender Direktor, ab 1988 Direktor des Kriminologischen Forschungsinstitutes. Im Jahr 1985 wurde er auf eine Professur für Kriminologie , Jugendstrafrecht und Strafvollzugsrecht berufen. Von 1985 bis 1997 fungierte Pfeiffer als Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen. Von Dezember 2000 bis zum Februar 2003 war der SPD-Mann Justizminister in Niedersachsen .