Bei der Erziehungsberatungsstelle der Jugendhilfe Cottbus war schließlich das Projekt gelandet und schnell hatte man auch fünf Mädchen gefunden, die Lust hatten, sich auf die Fahrt nach Amsterdam einzulassen. Zusammen mit den Diplom-Psychologinnen Doris Klinke-Schulze und Britta Horn konnten sich die Teenager intensiv mit dem Schicksal von Anne Frank beschäftigen.
Die Cottbuser Mädchen waren etwa in dem Alter, in dem Anne ihr Hinterhaus-Versteck in Amsterdam bezog.
Zufällig beginnen alle Namen der Cottbuser Mädchen mit einem J. „Stellt Euch vor, ab sofort müsst ihr ein großes J auf der Kleidung tragen. Ihr dürft nicht mehr auf den Sportplatz, nicht mehr ins Kino, nicht mehr in die Schule. Nicht mehr überall einkaufen, eure Freunde nicht mehr besuchen“ , bat Britta Horn die Mädchen in Amsterdam. Genau dieses Gedankenspiel sollten gestern auch Schüler einer 8. Oberschulklasse in Cottbus wiederholen. Sie hatten sich zuvor einen kurzen Film über den Ausflug nach Amsterdam angeschaut und erfahren, weshalb einige ihrer Mitschüler dorthin gefahren waren. Jenny und Jessica, Julia, Jaqueline und Jehandra hatten sich hineinversetzt in das Leben von Anne Frank, hatten versucht, ihren Alltag nachzuvollziehen, den Verrat und den Weg in die Vernichtungslager.
Jehandra, 13, Gymnasiastin, versuchte gestern, den Achtklässlern in Cottbus zu vermitteln, wie es wohl gewesen sein mag für ein junges Mädchen mitten in der Pubertät. Eingesperrt über Jahre, immer leise sein müssen, nie die Freunde sehen, nie mit den Türen knallen dürfen, nie die Sonne sehen und immer zwischen Angst und Hoffnung. Ganz stumm wurden die Jungs und Mädchen, sie hörten auf zu kichern und sie dachten nach, und einer sagte: „Wie schrecklich“ , und eine andere: „Man will doch frei sein, irgendwie.“ Einig waren sich die Kinder, dass sie selbst heute viel zu viel von allem hätten mit Handys und Fernseher und Internet und überhaupt seien die Rechten ganz schön blöd. „Jeans aus China, Handy aus Japan und Essen vom Döner, aber gegen Ausländer sein.“

Altersklasse mit engen Bindungen
Hier konnte jetzt der Rechtsextremismus-Experte der Runde einhaken: Dirk Wilking vom mobilen Beratungsteam der Landesinitiative Tolerantes Brandenburg. Er wollte endgültig den Bogen schlagen vom Amsterdam unter der NS-Diktatur hinein in die Lausitz der Gegenwart. „Siebte, achte Klasse, das ist die attraktivste Altersklasse für Rechtsextreme, um an Jugendliche ranzukommen“ , erklärte er den Schülern. „In dieser Zeit der Pubertät prägt sich der Musikgeschmack, da hat man die erste Liebe, da knüpft man ganz enge Bindungen. Wer später mal aussteigen will, hat nichts mehr, worauf er zurückgreifen kann.“

Rechte Szene durchschauen
Wilking fragte, wer denn schon Kontakt hatte zur rechten Szene, wer ihre Symbole kennt und wer weiß, was sie so erfolgreich macht. So wenig die Oberschüler bisher über die Geschichte der NS-Zeit wissen, so gut durchschauen sie die Mechanismen der Szene. „Wenn Du anderen Angst machst, kriegst du Respekt“ , sagten die Jungs, „aber eigentlich sind die Rechten alle feige. Zu fünft im Suff gegen einen losgehen, das ist doch total schwach.“
Vor einigen Wochen ist eine rechte Schülerzeitung bei ihnen aufgetaucht. „Der Junge, dem sie angedreht wurde, hat sie sofort zu uns gebracht“ , sagt die Lehrerin Ulrike Meiser, und man spürt ihre Erleichterung. Nein, in ihrer Klasse habe es noch keine Probleme mit Rechten gegeben, ein Junge sei ab und an in der Straßenbahn verprügelt worden, das aber habe man jetzt im Griff. „Wegen meiner langen Haare galt ich eben als Zecke“ , sagt der Junge und zuckt die Achseln.
Ulrike Meiser ist froh über das Projekt mit Anne Frank. Dass die Kinder selbst zu Wort kommen und nicht immer nur von Erwachsenen etwas vorgekaut bekommen. „Und in der 10. Klasse steht Faschismus auf dem Lehrplan, da haben unsere Jungen und Mädchen dann schon mal was von der ganzen Thematik gehört.“
Auch Dirk Wilking unterstützt die Idee, über Anne Frank eine Parallele zu ziehen in die Alltagswelt der Jugendlichen von heute. „Entscheidend sind die Diskussionen, die sich dadurch ergeben. Gerade die Pubertierenden werden von Anne Frank stark berührt, von ihrer Emotionalität und Kraft.“ Berührt habe es ihn, wie die junge Jehandra erzählt habe von der ersten Liebe Anne Franks und wie intensiv die Achtklässler ihr zugehört haben. „Und dort“ , sagt Wilking, „wo junge Oberschüler plötzlich anfangen, über Liebe zu sprechen, da wird es dann eng für die Parolen rechter Demagogen.“